Verfasst von: Bri | 17. Februar 2014

Der Höllenritt geht weiter

Es ist nicht greifbar. Es ist mystisch. Es ist beängstigend und dunkel. Es ist – NICHTS! 

UND ES IST    ZÜRÜCK!

Die Rückkehr beginnt mit einer „vertikalen Stationierung im Gelände“ eines chinesischen Learjets, der völlig ungebremst mit dem Cockpit voran als Feuerball auf einem Golfplatz in der Nicevilles „eingelocht“ wird. Auslöser dieser außergewöhn- lichen vertikalen Stationierung ist ein durch eine auf Talullahs Wall aufschlagende Cessna aufgescheuchter Krähenschwarm..                                                                                                                                                                                                                         Stroud

Nichts ist zurück und Niceville weiter in Aufruhr. Menschen verschwinden oder verhalten sich merkwürdig aggressiv. Flugzeuge fallen vom Himmel. Das Draußen drängt nach Drinnen und es ist schwarz.

Nick Kavanaugh tappt immer noch im Dunkeln, was das Verschwinden von Rainey Teague und den Banküberfall vor einem halben Jahr angeht, bei dem vier Polizisten kaltblütig ermordet wurden. Zwar gibt es mit Byron Deitz einen Tatverdächtigen – fand man doch einen Teil der Beute in seinem gelben Hummer – doch so recht glauben will Nick nicht an Deitz‘ Schuld. Zumindest nicht in diesem Fall.

Nicht nur, dass Menschen verschwinden, nein. Es tauchen auch Menschen aus anderen Zeiten auf. Woher sie kommen, wohin sie gehen? Wer weiß das schon so genau. Lemon Featherlight – Ex-Marine, Ex-Drogendealer und Informant der Polizei – sieht mehr als andere und findet in Nick einen Verbündeten, einen der ihm sein Wissen und seine Ahnungen glaubt.

Nicks Frau Kate macht zwischenzeitlich ihre eigenen Erfahrungen mit Nichts. Gemeinsam mit ihr tritt man in die Welt hinter den Spiegeln ein. Keine bunte schillernde Welt wie bei Alice im Wunderland – es ist eine düstere, bedrohliche Welt der Mythen und Geheimnisse, die durch uralte Schuld und dem Streben nach deren Vergeltung am Leben gehalten wird.

Carsten Strouds zweiter Band der Trilogie um die geheimnisvollen Ereignisse in Niceville beginnt ebenso kraftvoll und fulminant, wie der erste Band geendet hatte. Nahtlos wird der Leser in die Geschichte hineingesogen – ohne den Hauch einer Chance, zu entkommen. Hat man das Buch einmal in die Hand genommen, ist es zu spät, es wieder wegzulegen.

Sprachlich bleibt Stroud auf höchstem Niveau, verwendet ungewöhnliche Bilder und zeigt Situationen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Gewohnt schnell treibt er die Ereignisse voran und es macht einen Heidenspaß, auf diesen literarischen Schnellzug aufzuspringen, auch wenn der Endbahnhof noch nicht in Sicht ist.

Stroud ist ein Meister des anspruchsvollen Nervenkitzels. Ideenreich, atemlos und überraschend unterhält er seine Leser, einzig eine Verschnaufpause gönnt er ihnen – die Zeit bis zum Erscheinen des Abschlussbandes dieses wahren Höllenritts.

War die Mystik im ersten Band noch sehr dezent versteckt, ahnte man sie mehr, als dass Stroud sie zeigte, so kommt diese in Die Rückkehr weit mehr zum tragen. Unglaubwürdig wird Stroud nie dabei. 

Gespannt darf man sein auf den Abschluss dieser genialen Reihe. Gespannt auf neue Überraschungen, wunderbar bunte Charaktere, die nie nur dem Guten oder dem Bösen zuzuordnen sind und natürlich darauf, was NICHTS tatsächlich ist.

Im August 2014 wird es soweit sein – genügend Zeit also sich ausgiebig mit den beiden ersten Bänden Niceville und Die Rückkehr die Zeit zu vertreiben.

Informationen zu den beiden ersten Bänden dieses genialen Höllenritts, der seinergleichen sucht, gibt es wie immer auf der Verlagsseite … der Buchhändler eures Vertrauens lässt euch sicherlich gerne hinter die Spielgel gucken, aber nur ganz vorsichtig!

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Verfasst von: Bri | 13. Februar 2014

Auf einen Pastis mit Commissaire Duval

Kaum in seinem neuen Zuhause angekommen, erreicht Commissaire Léon Duval ein Telefonanruf: Während des Filmfestivals von Cannes wurde ein bekannter Dokumentarfilmer mitten in der Vorführung seines neuesten Filmes über den Amazonas ermordet.

Zielgerichtet erschossen, ohne dass einer der rund 2000 im Saal Anwesenden Notiz davon genommen hätte. Duval begibt sich mit seinen neuen Kollegen auf Tätersuche – und das unter höchstem zeitlichen Druck. Das Festival muss weitergehen, der Saal wird benötigt, der quasi auf dem roten Teppich ausgeführte Prominentenmord muss schnellstens geklärt werden. Schwierig für den aus Paris kommenden Duval, kann er sich hier (noch) nicht auf ein eingespieltes Team verlassen und kennt er weder die Gepflogenheiten, noch hat er bereits ein Netzwerk vor Ort.                                                                                                                                                                                                                                                                  Mörderische Cote d'azur

Doch die ihm zugeteilten Beamten ziehen recht zügig mit dem für die Cannois etwas zu steifen Commissaire an einem Strang. Duval selbst, der sich aufgrund seiner Unfähigkeit, Familie und Beruf parallel gleichwertig zu behandeln, freiwillig versetzen hat lassen und Frau und Kinder in Paris zurückließ, taut nicht nur wegen der sonnigen Atmosphäre an der Côte d’Azur auf. Die ihm ungewohnte menschliche Nähe, die offene Freundlichkeit der Cannois und das bunte Leben abseits des Bling-Bling der Filmfestspiele tun ihr übriges und locken den Flic letztendlich aus der Reserve. Das Motiv des Mordes bleibt wie der Täter lange, fast bis zum Schluß im Dunkeln.

Einfühlsam und niemals brutal oder reißerisch nähert sich Autorin Christine Cazon dem tatsächlichen Mordmotiv. Das hat Seltenheitswert, ist äußerst angenehm und schmälert das Lesevergnügen keineswegs.

Lokalkolorit bildet den atmosphärischen Rahmen für eine ausgewogene Mischung aus Ermittlungsarbeit und Einblick in das Privatleben des leitenden Ermittlers Léon Duval, der mit dem Fortschreiten des Falls an Kontur gewinnt und sich Sympathien erwirbt.

Wie auch bei anderen literarischen Kollegen, wie Donna Leons Guido Brunetti oder Martin Walkers Bruno Courrèges, geht es an der Côte d’Azur um die immerwährende Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit. In der Einschätzung dieser und dem Umgehen mit gewissen Schlupflöchern oder Möglichkeiten steht Duval seinen Kollegen aus Venedig und dem Périgord in nichts nach. Und doch gibt es einen Unterschied: Mörderische Côte d’Azur zeigt gesellschaftliche Verhältnisse und aktuelle Themen mit etwas mehr Leichtigkeit.

Duvals erster Fall in der Welt des Glamours und der Verstrickungen globaler „Umweltschutzorganisationen“ mit großen Konzernen, etwas was leider auch im realen Leben nur allzu bekannt ist,  macht große Lust auf das, was da hoffentlich noch kommen mag.

Bis dahin werde ich, trotz des zwar real noch nicht frühlingshaften Wetters ein Glas Pastis der Marke 51 randvoll mit Eiswasser füllen und die von Christine Cazon wunderbar eingefangene Atmosphäre ihres Wohnortes vor meinem geistigen Auge erstehen lassen. Santé!

Weitere Informationen zu Buch und Autorin findet ihr wie immer auf der Verlagsseite.

Paul Hoffmann ist 14 Jahre alt, lebt mit seinem Eltern, dem älteren Bruder Max und der jüngeren Schwester Gertrud in der Stadt, in der seine Mutter den elterlichen Laden weiterführt. Der Bauernhof väterlicherseits, im Umland gelegen, wird traditionell vom ersten Sohn der Familie, Pauls Onkel betrieben. Wo genau das örtlich anzusiedeln ist, bliebt ungeklärt, ist allerdings auch belanglos, denn die Geschehnisse, die aus Pauls rückwärtiger Sicht geschildert werden, hatten überall in Deutschland, ja in Europa und auf anderen Kontinenten, dieselben Auswirkungen.

Am 1. August 1914 ist es soweit:
Nachdem vor kurzem der österreichisch-ungarische Thronfolgerin Sarajevo einem Attentat zum Opfer fiel, greifen die militärischen Bündnisse Europas und es kommt zur Mobilmachung des deutschen Heeres und der Flotte.                                                                                                                                                                                                      Zeit der grossen Worte

„ … „Österreich – Ungarn ist unser Verbündeter,“ sagte Max. „Und wir stehen zu unserem Wort.“
„In Treue fest!“, sagte Großvater.
„Das feige Schurkenstück darf nicht ungesühnt bleiben“, sagte Vater. „Das ist eine Frage der Ehre.“
„Nun hört mal auf“, sagte Mutter. „Noch weiß man nicht, was der Kaiser dazu sagt.“
„Dem Kaiser bleibt keine Wahl“, sagte Großvater Wilhelm durch den Qualm seiner Pfeife.
„Die Zeit ist reif“, sagte Vater. „Über vierzig Jahre Frieden haben uns schläfrig gemacht. Schläfrig und bequem.“ … „

Angestachelt von den früheren „glorreichen“ Schlachten und Siegen werden viele, vor allem junge, Männer von einer unfassbaren Kriegseuphorie erfasst und melden sich freiwillig. So auch Pauls Vater und sein Bruder Max.

Weihnachten 1914, so der allgemeine aber irrige Glaube, feiert man wieder Zuhause und in Frieden. Weit gefehlt.

Herbert Günthers Jugendroman „Zeit der grossen Worte“ zeigt in einer einfachen Sprache, aber dennoch sehr authentisch, was Krieg bedeutet und welche Auswirkungen er hat. Aus Euphorie wird blanker Horror:

„ … „Das ist der Krieg, Paul, dieser einzige Moment. Du oder ich. Totschießen oder totgeschossen werden. Alles andere sind große Worte, verlogenes Zeug, an das ich nicht mehr glaube. …“

Das Bangen um die Liebsten im Feld der Zuhause Verharrenden, die Qual der Soldaten sind allgegenwärtig. Überstehen kann man im Feld nur, wenn man sich innerlich zurückzieht, abspaltet Jegliches Tun ist auf ein einziges Ziel gerichtet: den immer in Greifweite gewähnten Sieg.

… Aber was ist das für ein Vaterland, für das man zum Mörder werden muss? ...“

Wir schreiben das Jahr 2014 – noch nie währte so lange Frieden in Europa, wie seit dem letzten, dem Zweiten Weltkrieg, der von deutschem Boden ausging. In Deutschland gibt es seit einiger Zeit keine Wehrpflicht mehr. Ein Berufsheer soll aufgebaut werden – auch mit Hilfe von blutjungen Männern und Frauen. In Jugendzeitschriften und anderswo wirbt die Bundeswehr offen und ohne moralische Bedenken für sogenannte „Abenteuercamps“ – augenscheinlich mit Rekrutierungsgedanken. Ganze 100 Jahre nach dem Ereignis, das als Erster Weltkrieg in die Geschichte einging.
Unfassbar, aber wahr.

Da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die den jungen Menschen von heute deutlich machen können, was Krieg wirklich heißt – Töten und getötet werden – sind Bücher wie „Zeit der grossen Worte“ immens wichtig.

Denn eigentlich gibt es keine Feinde, nur Menschen. Menschen die alle im Grunde ihres Herzens dasselbe wollen, wie die wahren Anekdoten über das erste Weihnachtsfest in den Schützengräben zeigen:

… Heiligabend haben wir Weihnachtslieder gesungen. Und auf einmal hörten wir, wie hundert Meter weiter die Franzosen in ihren Schützengräben Beifall klatschten. Und dann sind sie rausgekommen, und wir auch, zwischen den Stacheldrahtsperren und den Bombenlöchern haben wir uns getroffen, Hände geschüttelt, geredet, gelacht, gesungen, es gab Verbrüderungen, Schulterklopfen, Umarmungen – für eine Nacht, Paul, und dann ist der Irrsinn weitergegangen. Aber ich sage dir, da war keiner von den Franzosen, der mir irgendetwas wegnehmen will, keiner der mir was Böses wünscht, die sind genauso arme Schweine wir wir … „

In diesem Sinne wünsche ich diesem Buch ganz viele Leser – ob jung oder alt, das ist vollkommen gleichgültig.

Das Buch ist mit einer Leseempfehlung ab 14 Jahren ausgegeben, die mir sehr angemessen erscheint. Weiterführende Informationen wie immer auf der Verlagsseite oder beim Buchhändler eures Vertrauens.

Verfasst von: Bri | 31. Januar 2014

Erzählungen zum niederknien

Vorab: Einen Fitzgerald zu rezensieren ist für mich persönlich das Höchste, was mir passieren kann, das Schwerste was ich mir vorgenommen habe und fast schon blasphemisch. Wagen will ich es trotzdem.

Die Erzählungen meines literarischen All-time-heroes, versammelt in einem Band unter dem vielsagenden Titel Wiedersehen mit Babylon erreichten mich schon im Jahr 2013 – alleine die Lektüre zog sich hin. Und das aus einem einzigen Grund: diesen Band mit den wunderbaren Erzählungen F. Scott Fitzgeralds aus den Jahren 1930 bis 1934 wollte ich genießen, nicht mehr so schnell aus der Hand legen.                                                                                                                                             Babylon

Wie kein anderer schafft es Fitzgerald mit der ihm eigenen Leichtigkeit und Eleganz, menschliche Höhenflüge und Abgründe auf eindrücklichste Art und Weise darzustellen. Er schuf Sätze, die in ihrer treffsicheren Knappheit Menschen in ihrer ganz eigenen Komplexität, eine Situation in Gänze greifbar, ja lebendig werden ließen. Sätze, die mich in die Knie zwingen, die mir Bilder von Gefühlen in den Kopf setzen, die ich nicht mehr vergesse.

“ …  Sie waren alle wieder da, die Kellner mit ihren geschäftsmäßigen Mienen, die wachsamen Französinnen mit ihren hohen Absätzen und ihren neugierigen Augen, Phil Hoffmann, der ihr gegenüber saß und sein Herz auf einer Gabelspitze balancierte … „

Das Seelenleben eines Menschen liegt ausgebreitet da, in einem kurzem Nebensatz hingeworfen, ohne große Beschreibung der inneren Vorgänge skizziert und genau deshalb so beeindruckend klar.

Konzeptionell gleichen Fitzgeralds Erzählungen Miniatur-Romanen – für eine weitere Ausarbeitung als eigene Romane fehlte wohl die Zeit, waren die Ideen zu vielfältig, das Geld zu knapp und die Möglichkeiten, diese kurzen Geschichten als Spielwiese für neue Ideen, Techniken und Dialoge zu nutzen, zu verlockend. Noch dazu gibt es keine Not, aus etwas Perfektem etwas Aufgebauschtes zu machen.

In Wiedersehen mit Babylon kommt Fitzgeralds große Stärke der treffgenauen, stilistisch unglaublich sicheren Sprache, gepaart mit seiner unnachahmlichen Meisterschaft im Erschaffen einer bestimmten Atmosphäre, eines bestimmten Gefühls, wieder einmal grandios zum tragen.

Die hier versammelten Erzählungen handeln alle von einem Themenkomplex: Überwindung, Verlust, Konfrontation mit Ängsten und alten Dämonen, aber auch von Gewinn und persönlicher Entwicklung.

Entstanden in unsicheren Zeiten finden die Geschichten ihre Substanz in persönlichen Erlebnissen Fitzgeralds. Geld, Reichtum und was dieser aus den Menschen macht, aber auch das doch bewundernswerte amerikanische Credo, sich nicht unterkriegen zu lassen und ein „Yes we can“ auf den Lippen zu tragen, prägen die Erzählungen. Doch schon liest man Sätze, die ahnen lassen, dass die Lage sich ändern könnte, dass der Fall zu befürchten ist.

Fitzgeralds bekannte Verve, die mich immer und plötzlich zum Lachen reizt fehlt auch hier nicht:

“ … Die Schweiz ist ein Land, wo sehr wenige Dinge ihren Anfang nehmen, aber viele ihr Ende … „

Ein Satz, der aus einer strukturell erstaunlichen und absolut nachhallenden Erzählung mit dem Titel „Eine Reise ins Ausland“ stammt, in der Fitzgerald virtuos mit Eigenwahrnehmung, Täuschung und Erkenntnis spielt.

Aber nachhaltig sind F. Scott Fitzgeralds Geschichten immer. Dicht gewebte Lebensgeschichten von jungen Menschen, die aufgrund der zeitlich rastlosen Umstände, in denen sie sich befinden, älter wirken als sie sind.

Kurz gesagt:
Phantastischer, süchtig machender Buchstoff.

Wiedersehen mit Babylon ist kein Buch, das man einfach so durchliest und ins Regal stellt. Es ist ein Buch, das immer in Reichweite sein muss, immer bereit, aufgeschlagen zu werden, damit man eintauchen kann in die Zeit der Lost Generation, Tag für Tag ein Stückchen, das man in sich aufnimmt, das einen selbst aufnimmt und nicht mehr verlässt.

Weitere Informationen zu diesem Must-Have findet ihr wie immer auf der Verlagsseite

Verfasst von: Bri | 18. Januar 2014

Eine glückliche Zusammenführung

Liebe Buchfreunde,

seit geraumer Zeit lese ich nicht mehr nur alleine sondern gerne zusammen mit lieben Gleichgesinnten. Heiße Diskussionen bleiben dabei nicht aus und sind sehr fruchtbar und erwünscht. Zeigen diese doch häufig, wie ungemein unterschiedlich Menschen LESEN.

Aus diesem Grund sahen wir uns gezwungen, die Früchte dieser Diskussionen, die häufig in Gemeinschaftsrezensionen mündeten, einer breiteren lesebegeisterten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Darum: Feiner reiner Buchstoff von den üblichen Verdächtigen und Mitverschwörern !

Ich hoffe, wir sehen uns auch dort!

Eure Bri

Verfasst von: Bri | 12. Januar 2014

… und lasse mich nichts im Leben aushalten müssen

Politisch aufrührerische Zeiten waren es in den 1830er Jahren, als es den erst 18 jährigen Georg Büchner von Darmstadt ins politisch freiere Straßburg verschlug. Vorrangig wegen des Medizinstudiums, politische-freiheitliche Ansichten ergaben sich dort zwangsläufig aus der Liebe zur Philosophie. Eine andere Liebe fand der junge leidenschaftliche Büchner in der 3 Jahre älteren Tochter seiner Vermieter: Wilhelmine Minna Jaeglé, eine hübsche, kluge junge Frau, die nichts lieber getan hätte, als die Naturwissenschaften zu ihrem Thema zu machen. Doch zur damaligen Zeit war das in keinem Fall denkbar.                                                                                                                                                                                                    Büchners Braut

Minna teilt Büchners Liebe zur Wahrheit, zur Freiheit und unterstützt ihn in seinem Tun. Sie liebt es, wenn er mit ihr über die Dinge spricht, die Frauen sonst nicht zu Ohren bekommen.

„ … Hört auf mit diesem Prüfungsstand, der das Leben sein soll. Dann wäre das Leben nur ein Mittel. Aber es ist der Zweck selbst. Die Entwicklung ist der Zweck des Lebens, es ist Entwicklung. … „
(Seite 28)

1832 kommt es zur heimlichen Verlobung, eine Heirat wird es nie geben, Minna bleibt auf ewig Büchners Braut. Georg Büchner stirbt 1837, 24jährig, in Zürich an Typhus. Minna hat sich, ganz die Seine, den Weg zu ihrem sterbenden Geliebten hart erkämpft und trifft ihn zwar noch lebend, doch schon nicht mehr unter den Lebenden weilend, an. Dabei hatte sie immer nur um eines gebetet:

„ … Und lasse mich nichts im Leben aushalten müssen …“
(Seite 63)

Zuviel musste ihre Mutter aushalten, zu früh ist diese daran gestorben. Und leider wird auch Minna einiges in ihrem Leben aushalten müssen. Sie wird gezwungen, sich den eigenen Lebensunterhalt als Gouvernante oder Erzieherin fremder Kinder zu verdienen und erfährt mehr Anteil an ihrer Situation, als ihr manchmal lieb ist. Diese Lebensgeschichte könnte auch von Jane Austen erdacht worden sein …

Bücher über bedeutende Schriftsteller haben meist die Schriftsteller selbst zum Mittelpunkt. Büchners Braut ist nicht nur in diesem Punkt erfrischend anders. Beate Klepper gelingt es in ihrer einfühlsamen Romanbiographie, Georg Büchner durch die Augen seiner Verlobten lebendig werden zu lassen. Hier wird ein leidenschaftlicher, politischer Mensch gezeichnet, der nicht anders kann, als seine Schriften zu veröffentlichen. Ob es daran liegt, dass er als geliebter Mensch beschrieben wird, das mag sein. Sicherlich liegt es aber auch daran, weil Büchner in seiner Beziehung zu einer klugen und wissbegierigen Frau gezeigt wird. Frauen dieser Zeit waren sonst eher schmückendes Beiwerk, versorgten Haus und Hof, kümmerten sich um die Erziehung der Kinder, hatten aber kaum Zugang zu Forschung und Wissenschaft. Dass Büchner hier als emanzipierter Mann gezeigt wird, der auf Augenhöhe mit seiner Geliebten lebt, mit ihr diskutiert und sie einbezieht in seine Gedanken, das macht dieses Buch zu einem Lesegenuss.

Sprachlich wunderbar in der Zeit, liest sich Büchners Braut flüssig und leicht, obwohl soviel Inhalt darin steckt. Und soviel Recherche und Liebe zum Thema.

Nach der Romanbiographie geht es weiter mit Büchners eigenen Werken – dank Beate Klepper aus einem neuen, anderen Blickwinkel, der mir den aufrührerischen jungen Mann näher gebracht hat, als jede Schulstunde oder jedes Seminar.

„ … Weiß Gott, mag sein, die ganze Welt ist zu klein für mich. Hoffentlich wachse ich nicht noch. Es muss unerträglich sein in einer Welt in der alles zu klein ist, wenn man über das normale Maß hinauswächst, wie bedrängt man von den kleinen Dingen und Menschen sein muss.
Über sich hinauswachsen, dachte er, und hockte sich mit einem Schwung auf die Bettkante. …

(Seite 91)

Mehr Informationen findet ihr wie immer auf der Verlagsseite.

Verfasst von: Bri | 6. Januar 2014

Geschichten sind beseelte Daten

2013 war ein Jahr, das ich persönlich nicht als schrecklich oder katastrophal bezeichnen würde, aber dennoch war es ein anstrengendes und ungewöhnliches. Für mich selbst am erstaunlichsten war die offensichtliche Neuausrichtung bzw. Umorientierung vieler Menschen in meinem Umfeld. Extrem viele schöne Momente haben mir 2013 einen Energieschub verschafft, der mich auch in unangenehmen oder dunklen Momenten nicht wirklich verzweifeln lässt – Keeping the faith

Einher geht damit ein neues Gefühl größerer Freiheit, Freude und Verbundenheit – grundsätzlich notwendig nicht nur für mich, um ein authentisches Leben führen zu können.

Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb sprach mich ein Buchtipp der besonderen Art an, da sich die Autorin vor allem der Frage nach der Möglichkeit eines Lebens aus vollem Herzen – wie es so schön in einem meiner geliebten und viel zitierten Lieblingssongs von Bon Jovi heißt My heart is like an open highway widmet. Aber keine Angst, wir driften hier nicht in die esoterische Ecke ab, der ich zwar nicht ganz abgeneigt bin, aber Brené Brown, die sympathische Autorin von Verletzlichkeit macht stark, ist in ihrem Metier höchst anerkannt und geht sehr professionell zu Werke.                                                                                                                                                                                                                        Verletzlichkeit macht stark von Brene Brown

Sie ist Wissenschaftlerin – aus vollem Herzen und mit der Messlatte in der Hand, als sie sich auf die Suche nach dem Ursprung vieler Ängste und Probleme in unserer von der Kultur des Mangels geprägten Gesellschaft macht. Sie nimmt sich vor, ein Jahr für die Erforschung dieser Ursachen zu investieren. Aus diesem einen Jahr werden sechs. Die Ursache ist bald erkannt und benannt: Scham. Das Gefühl, nicht zu genügen, abgeschnitten zu sein vom Leben, keine Zugehörigkeit zu empfinden. Also etwas das wohl jeder und jede schon einmal in irgendeiner Art und Weise kennengelernt hat. Verhindern kann man ein solches Empfinden kaum, aber man kann sich dagegen wappnen. Auch das hat Brown herausgefunden und sich die Interviews mit den Menschen, die eine hohe Schamresilienz entwickelt haben – also Möglichkeiten gefunden haben, mit Situationen, die ein solches Gefühl hervorrufen, möglichst gut umzugehen – ganz genau analysiert. Für Menschen mit einer hohen Schamresilienz ist eines klar: sie sind verletzlich und nehmen diese Verletzlichkeit sehenden Auges an.

Genau das ist es, was die Sozialforscherin mit der Messlatte aus der Bahn wirft. Verletzlichkeit ist ihr ein Gräuel. Sie erleidet nach ihren eigenen Aussagen einen Nervenzusammenbruch, sucht sich eine Therapeutin und knobelt ein Jahr an diesem Problem. In diesem Jahr zieht sie sich aus der Forschung zurück und kommt danach wieder, um weiter aus vollem Herzen über Scham, Verletzlichkeit und die Notwendigkeit, die Verletzlichkeit durch Selbstwertgefühl anzunehmen, zu forschen.

Brené Browns Verletzlichkeit macht stark ist ein Buch, das aus vollem Herzen gelebt und geschrieben wurde. Ein wichtiges Buch, um Rollen in Beziehungen zu hinterfragen, Liebe und Mitgefühl in unser Leben zu bringen oder sie dort zu halten, Menschlichkeit einzufordern, egal ob im privaten oder beruflichen Bereich. Jeder fühlende Mensch, der authentisch leben möchte, ohne sich zu verbiegen, wird sich in diesem Buch mehr als einmal wiederfinden und dankbar sein, für die warme Anteilnahme, die sachliche und trotzdem nie kühle Darstellung und die menschliche Art Forschungsergebnisse für das Leben zu übersetzen.

Dankbar bin ich für diesen wahren Augenöffner, der immer sanft und einfühlsam mit dem Leser umgeht. Wege aufzeigt aus unangenehmen Situationen, keine Schuld zuweist, nie wertet, sondern nur annimmt. Als Mutter eines bald Fünfeinhalbjährigen, der frei und offen, ohne Ängste und nicht in einer zu klein werdenden Kiste aufwachsen soll, werde ich dieses Buch sicherlich immer wieder in die Hand nehmen, um meinen Standpunkt jeden Tag aufs neue auszurichten. Auszurichten auf ein Leben, das keine Sicherheiten geben kann, das man aber mit Sicherheit aus vollem Herzen besser lebt.

Empfehlen will ich dieses wunderbare Buch jedem, ohne Ausnahme, denn es bereichert und plädiert auf allen Ebenen dafür, den Menschen einfach nur dadurch ihre Würde wiederzugeben, indem man sie erkennt und ihnen in die Augen sieht, wenn man mit ihnen spricht. Denn wir Menschen sind Beziehungswesen – und haben wir einen Tag, an dem wir   „ … nicht die Energie oder Zeit dafür haben, sollten wir zu hause bleiben. … „

In diesem Sinne, lasst uns Ich-Du-Beziehungen schaffen und die Ich-Es-Beziehungen aufgeben und damit unsere Spiritualität erkennen und nähren.

 „ … Spiritualität kristallisierte sich als fundamentale Wegmarke beim Leben aus vollem Herzen heraus. Nicht Religiosität, sondern der tiefe Glaube, dass wir unauflöslich miteinander verbunden durch eine Kraft verbunden sind, die größer ist als wir selbst – eine Kraft, die auf Liebe und Mitgefühl gründet. (…) Ich glaube, uns unser Selbstwertgefühl anzueignen besteht darin, zu würdigen, dass wir heilige Wesen sind. Vielleicht geht es bei der Akzeptanz der Verletzlichkeit und der Überwindung der Selbstbetäubung letztlich darum, für unseren spirituellen Teil Sorge zu tragen und ihn zu nähren. …“ 

Weitergehende Informationen finden sich wie immer auf der Verlagsseite. Wer sich über Brené Brown selbst ein Bild machen möchte, kann dies hier tun.

Der Vortrag fasst in nuce zusammen, was ihre Forschungen ergeben haben und was sie jeden Tag aufs Neue zu leben bereit ist.

Und  jetzt nix wie los zum Buchhändler des Vertrauens … wir sehen uns in die Augen!

Verfasst von: Bri | 5. Januar 2014

2014 – auf dass es ein gutes werde!

Nachdem es in den letzen Wochen hier ein wenig ruhig war, möchte ich euch allen erst einmal ein wunderbares, glückliches, gesundes und lesereiches Jahr 2014 wünschen.

Es wird auch in diesem Jahr einiges geben, was ich euch mitteilen und ans Herz legen möchte und ich freue mich darauf! Nach einer kleinen Auszeit starte ich mit neuer Energie morgen mit dem ersten Schätzchen im Jahr 2014  … lasst euch überraschen. Ausserdem gibt es Pläne für einen wunderbaren Gemeinschaftsblog mit lieben Mitstreitern … aber psst … das alles ist noch in Arbeit. Ich werde aber zur Zeit berichten und verlinken.

Ihr Lieben, lasst es euch gut gehen und genießt die Tage, die nun schon länger werden … Ende März haben wir schon wieder Sommerzeit und das ist gar nicht mehr so lange hin.

Haltet euch senkrecht und ich hoffe, wir sehen uns!

Eure Bri

PS: ein kleiner Vorgeschmack, was euch nächstes Jahr hier so erwarten wird, soll schon auch noch sein:

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Verfasst von: Bri | 9. Dezember 2013

Doppelbödigkeit in Perfektion

Serena Frome ist Anfang 20 als der alternde Tony Canning in ihr Leben tritt und sie beim MI5 – dem britischen Inlandsgeheimdienst – in Lohn und Brot bringt. Typischerweise werden auf diese Art – durch das traditionelle „Hand auflegen“ wie Ian McEwan ganz bildlich und fein ironisch beschreibt, was schon in der Antike als  Emanzipation bezeichnet wurde – junge Männer protegiert. Serena jedoch ist jung, bildhübsch, klug und eine passionierte Leserin, weshalb sie innerhalb des Geheimdienstes für ein Projekt namens Honig ausgewählt wird, das Autoren finanziell unterstützen soll, deren politische Gesinnung der britischen Regierung angenehm ist. Schließlich befindet sich die Welt gerade mitten im Kalten Krieg.                                                                                                                                                                                                                                                                                             Honig

Serena wird auf T. H. Haley,  einen jungen Autor angesetzt, der im Brotberuf an einer Universität lehrt und bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Seine Kurzgeschichten gefallen Serena genauso gut wie der junge Mann schließlich selbst. So entspinnt sich zwischen den beiden ein Verhältnis, das nicht nur von Seiten Serenas durch Täuschungen und Geheimnisse geprägt ist.

Täuschungsmanöver beherrscht auch Ian McEwan meisterhaft. Er spielt mit allem, was er zur Verfügung hat: dem Genre, den Figuren, den Ebenen unf vor allem mit dem Leser. Anfänglich ob der gemächlichen Entwicklung des „Agentenromans“ etwas ratlos, kann man dennoch Gefallen an der präzisen Beschreibung der Verhältnisse während dieser doch recht angespannten Zeit innerhalb Europa und der Welt finden. Mit feiner Ironie zeigt McEwan sowohl das gesellschaftliche Leben  in den beginnenden 1970er Jahren in England als auch die Maschinerie des Literaturbetriebes. Er erzählt Geschichten innerhalb der Geschichte und verwebt darin auch noch die Realität. So wird eine raffinierte Doppelbödigkeit erschaffen.

An Genregrenzen hält er sich nicht – wozu auch? Erfährt der Roman durch die Nichteinhaltung dieser Grenzen doch eine wunderbare Unberechenbarkeit.

Bis zuletzt, ach was, bis zu diesem Zeitpunkt, in dem ich versuche, meine Gedanken zu diesem so perfekt konstruierten Roman, dem man die Perfektion ins keinster Weise anmerkt, in Worte zu fassen, bin ich mir nicht sicher, wer der Erfinder Serenas nun tatsächlich ist. Natürlich kann man sagen, McEwan wer sonst? Doch genauso gut denkbar ist es, dass Tom, der unwissentlich vom MI5 finanzierte Autor, der Schöpfer Serenas und ihrer Geschichte ist. Die Fiktion in der Fiktion oder der Wald den man vor Bäumen nicht sieht? Letztendlich ist auch das gleichgültig bei einem Roman wie Honig, der so klug, so durchdacht und trotzdem so überraschend und unterhaltsam auftritt.

Honig war mein erster McEwan, doch sicherlich nicht mein letzter – ganz gleich, welchem nicht eingehaltenen Genre er angehören mag.

Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für alle Ian McEwan Fans und andere Leser, die Gefallen am Spiel mit der Doppelbödigkeit des Lebens und Lesens haben – Fans von Agententhrillern à la James Bond allerdings werden keine Freude an diesem Regaljuwel haben.

Informationen zu Buch und Autor findet ihr natürlich beim Diogenes Verlag und das Buch selbst – na das wisst ihr ja. Auch wenn ihr schon am Freitag bei eurem Buchhändler des Vertrauens wart, um ein Teil des  Buchhandels-Flashmob zu sein, wird er oder sie sich sicherlich freuen, euch so bald schon wieder begrüßen zu dürfen.

Verfasst von: Bri | 3. Dezember 2013

Nicht nur dunkel ist die Nacht

„… Wir sind nicht Kinder Gottes und auch keine Märchengestalten, die sich ewig lieben. Wir leben in der Nacht und tanzen wie die Wilden, damit uns das Leben nicht einholt. Das ist unser Credo.“

In der Nacht leben, das ist es, was Joe Coughlin will, schon immer. Ein anderes Leben führen  als die normalen Bürger im Amerika der ausgehenden 1920er Jahre. Gemeinhin bezeichnet man Menschen wie Joe als Gangster oder Kriminelle – dabei ist er der jüngste Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston. Er selbst jedoch sieht sich als Gesetzlosen. Ein feiner Unterschied, der darin liegt, dass Gangster ausschließlich nehmen und völlig skrupellos handeln. Joe aber gibt und tötet nur, wenn es absolut unumgänglich ist.

Joe Coughlin ist mir ans Herz gewachsen – obwohl er sein Geld mit kriminnellen Machenschaften verdient. Eingeschlichen hat er sich mit seiner Chuzpe und Geradlinigkeit, seinem Selbstvertrauen und einer unglaublichen Cleverness, die ihresgleichen sucht. Regelrecht verguckt habe ich mich in einen Mann, der in den anfänglichen 1930er Jahre zu einem der erfolgreichsten Schmuggler und Syndikatsbosse im Süden Amerikas aufsteigt.                                                                                                                                                                      Lehane

Das Land liegt nach dem Zusammenbruch der Börse und vieler Banken buchstäblich darnieder. Die Menschen verlieren ihre Arbeit und suchen Trost im Alkohol, der verboten ist. Die perfekte Zeit für Joe, um durch geschickte Schachzüge ein wahres Imperium aufzubauen. Er wird respektiert, sogar von seinem natürlichen Feind – dem Polizeichef von Tampa.

„… Ich weiß noch, wie er Sie mir einmal auf der Straße gezeigt und gesagt hat: ‚Das ist der Bürgermeister von Ybor. Ohne ihn ginge hier alles drunter und drüber.‘ … „

Ein weiterer Unterschied zu anderen Gangsterbossen ist seine Fähigkeit, Menschen an sich zu binden. Loyalität ist keine Frage, sie ist eine Tatsache. Trotz der Härte und Brutalität, die er im Umgang mit konkurrierenden Gangs an den Tag legen muss, hat er eine zutiefst menschliche Seite, die ihn schon immer dazu gebracht hat, sein Geld nicht für sich alleine zu behalten, sondern denen zu helfen, die nichts mehr haben. So findet er nicht nur Geschäftspartner, sondern Freunde, die auch für ihn in Tod gehen.

Dennis Lehane ist mit In der Nacht nicht nur ein verdammt spannender Krimi gelungen, sondern ein Roman, der alles hat, was ein wirklich guter Roman braucht. Ausgefeilte Figuren, einen starken Plot und genug Kreativität, um den Spannungsbogen immer noch ein Stückchen mehr dehnen zu können. Darüber hinaus  entwickelt Lehane seine Geschichte mit trickreichen und unerwarteten Wendungen, niemals platt und doch immer in genau dem richtigen Tempo – und seine Figuren entwickeln sich mit.  Lange Ruhephasen gibt es nicht. Sie werden durch plötzliche Ereignisse unterbrochen – als Gesetzloser von Rang muss man eben immer auf der Hut sein, was an der nächsten Straßenecke auf einen wartet. Nur so überlebt man. Angst hingegen ist etwas, das man nicht zulassen sollte und doch erkennt Joe sie in fast jedem seiner Gegner.

“ … Sie fürchteten ununterbrochen, dass ihre Butalität immer maßloser ausufern würde, dass irgendein anderes Ungehauer ihnen ihre Macht wegnehmen würde. Und diese Furcht huschte wie Quecksilber durch ihre Augen; wenn man sie nicht sofort wahrnahm, bekam man keine zweite Chance. In jenem ersten Moment jedoch, wenn sie noch nicht genau wussten, woran sie waren, konnte man das Tier namens Angst genau erkennen, auch wenn es sich in derselben Sekunde bereits wieder in seine Höhle zurückzog. …“

Mitten in Ybor, mitten in den Geschehnissen –  so habe ich mich beim Lesen gefühlt. Die Geschichte, die Personen, die Vorkomnisse ließen mich nicht mehr los, egal ob ich nun in der S-Bahn oder abends bis tief in die Nacht auf meinem Sofa sitzend las. Beeindruckt von der Fähigkeit ein Buch zu schreiben, das Bilder im Kopf entstehen lässt, die einem perfekt geschnittenen Kinofilm gleich kommen und doch tiefer gehen, als ein Film das jemals könnte. Ich fühlte mich wohl in Joes Welt, die im wahren Leben, abschreckend wäre – ich war fast ein Teil der Geschichte, so tief konnte ich in ihr versinken.

In der Nacht ist ein wahrhaftes Œuvre, das selten über Menschen urteilt,  sondern kenntnisreich die gesellschaftlichen Verhältnisse und die daraus entstehenden – auch rassistischen – Entwicklungen im Amerika der Jahre 1926 bis 1935 aufzeigt. Schuldzuweisungen bezüglich der Beförderung des Alkohol- oder Drogenmißbrauchs durch die Syndikate gibt es nicht. So versucht Joes Geschäftspartner und Freund Esteban Suarez ihm auch seine moralischen Bedenken zu nehmen:

“ … Wir sind nicht unseres Bruders Hüter, Joseph. Es wäre eine Beledigung für unsere Mitmenschen, wenn wir ihnen nicht mal zutrauen würden, eingermaßen auf sich selbst aufpassen zu können. … „

Sprachlich brillant, mit Sätzen die wie in Stein gemeißelt wirken, zeigt Lehane auch noch feinen Sinn für Witz und absurde Situationen. Hinreißende und zuweilen unverschämt pfiffige Dialoge runden das Ganze ab.

Die Geschichte selbst ist zwar rein fiktiv, das Personal, das Lehane  auftreten lässt ist es nicht. Gangster wie Lucky Luciano und sein Anwalt Meyer Lansky waren echte Größen und verleihen diesem Knüller einen zusätzlichen Hauch von Authentizität.

Doch nun genug der Lobeshymnen, die das Buch wahrlich verdient. Überzeugt euch einfach selbst, tretet ein in die Welt der Gesetzlosen, werdet ein Teil von ihr und tanzt eine Weile mit – es macht irrsinnigen Spaß sage ich euch!

Mehr Informationen zu Buch und Autor findet ihr auf der Seite des Diogenes Verlages, dem es zu verdanken ist, dass Dennis Lehane nun hoffentlich auch im deutschsprachigen Raum die Beachtung erfährt, die er verdient.

Ich warte gespannt auf eine eventuelle Fortführung  und werde mich bis dahin irgendwie über Wasser halten müssen.

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