Das vierte Türchen öffnet sich in Urugay

„Manche sagen, sie flog, andere sagen, sie fiel. Auf jeden Fall kam sie aus einem Baum. und niemand wusste, wie sie hinaufgekommen war. Der Baum war sehr hoch, man konnte nicht einfach hinaufklettern, und sie war erst ein Jahr alt. Mit dieser Geschichte wuchs sie auf: Pajarita, du warst das Wunderkind, so hast du deinen Namen bekommen. Immer wieder erzählte man ihr davon, wie das bei Geschichten so ist – häufig, ungefragt, manchmal leicht und locker, manchmal mit einer Wucht, die sie fast ertränkte oder zum Himmel hinaufschleuderte. Pajarita wusste nie, welche Version sie glauben sollte. Sie trug all die verschiedenen Versionen in sich. Tausende von Splittern, wie Glasscherben unter der Haut. Neunzig Jahre später, auf dem Totenbett, blickte sie sich im Zimmer um und sah ihre versammelte Nachkommenschaft, und da begriff sie endlich, dass die Geschichte nicht nur ihr gehörte; ihre Tochter und ihre Enkeltochter waren genauso betroffen. Pajarita schaute sie an. Eva, Salomé, im Blick die entrückte Klarheit der letzten Atemzüge, und der Raum war erfüllt von Phantomen ihrer unzähligen Flüge und Stürze.“

Aus Die unsichtbaren Stimmen  von Carolina de Robertis

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