Das sechzehnte Türchen öffnet sich in der Domenikanischen Republik

“ … Meist höre ich sie abends kurz vor dem Einschlafen.

Ich liege an der Schwelle des Vergessens und warte auf ihr Kommen, als wäre es das Signal dafür, daß  ich mich dem Schlaf überlassen kann.

Das Knarren der Bodendielen, das Rauschen des Windes im Jasmin, der tiefe, duftende Atem der Erde, das Krähen eines schlaflosen Hahnes. Und dann ihre leisen, geisterhaften Schritte, so sacht, daß ich sie für meine eigenen Atemzüge halten könnte.

Jede tritt anders auf, als hätten sie sich auch als Geister ihr unterschiedliches Wesen bewahrt: Patria mit verhaltener Selbstsicherheit, Minerva mit quecksilbriger Ungeduld, Mate mit kleinen, verspielten Hüpfern. Müßig tändeln sie herum. Heute wird Minerva bestimmt lange bei ihrer Minou sitzen und der Musik ihres Atems lauschen.

Manchmal, wenn mir etwas Kopfzerbrechen bereitete, liege ich nachts auch noch wach, nachdem sie längst gekommen sind, und dann höre ich andere Geräusche: das schauerliche, haarsträubende Knirschen von Reitstiefeln, der Schlag einer Peitsche gegen Leder, resolute Schritte, die mich erzittern lassen, so daß ich wieder wach werde und im Haus alle Lampen anknipse – die einzig sichere Methode, das Böse zu bannen.

Aber heute abend ist es so ruhig wie noch nie.

Nimm dich zusammen, Dedé, ermahne ich mich. Meine Hand fühlt voller Bedauern, daß links an meinem Körper etwas fehlt, eine Feststellung, die längst zur Gewohnheit geworden ist. Mein Unterpfand, so nenne ich es, für  alles andere, was mir fehlt. Unter meinen Fingern flattert das Herz wie ein Falter an einem Lampenschirm. Nimm dich zusammen, Dedé!

Doch jetzt höre ich nur meinen eignen Atem und die gesegnete Stille jener kühlen, klaren Nächte unter dem Anacahuita-Baum, bevor jemand ein Wort über Künftiges hauchen kann. Und im Geiste sehe ich sie alles dort, reglos wie Standbilder: Mamá, Papá, Minerva, Mate, Patria, und mir kommt es so vor, als fehlte jemand. Ich zähle sie zweimal, bis ich begreife. Ich selber bin es, die da fehlt, Dedé, die überlebt hat, um diese Geschichte zu erzählen.“

 

Aus Die Zeit der Schmetterlinge von Julia Alvarez

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