Verfasst von: Bri | 14. Juni 2014

Elf … oder mehr … Freunde müsst ihr sein

Großereignisse werfen ihre Schatten voraus – es ist wieder soweit, das Leder rollt und das Runde will ins Eckige. Wie das Ganze ausgehen wird, weiß im besten Falle keiner – oder vielleicht doch?

Wie wir wissen ist die Geschichte des Fußballs in Europa und der Welt voll von Ereignissen, die durch vielfältige Manipulationen den Ausgang nicht nur einzelner Spiele entschieden haben.

 

Auch in Italien 1934. Der Duce, Benito Mussolini selbst, hat alles daran gesetzt, die Fußballweltmeisterschaft ins Land zu holen. Aber das alleine genügt ihm nicht, Italien soll der Welt voran stehen. Auch im Fußball. Überall soll die Überlegenheit des italienischen System aufscheinen – Rom will siegen und nach Möglichkeit durch die vorausgeplanten Endstände der Spiele die Kosten, die für Stadien und Bestechungsgelder ausgegeben werden mussten, wieder wett machen. Die italienische Bevölkerung selbst steht dem ganzen Treiben nicht so leidenschaftlich gegenüber. Die Eintrittskarten für die Spiele sind teuer, die Steuern werden erhöht, um die Kosten wieder auszugleichen und die Squadra Azzurra ist zudem nicht unbedingt der absolute Favorit für den Meistertitel

Irgendwie kommt einem das doch sehr aktuell und vertraut vor.

                                                                                                                                                                                        Piagnolia

Brasilien, der Ausrichter der Fußballweltmeisterschaft 2014, zahlt einen hohen Preis dafür, Gastgeberland dieses Turniers zu sein und möchte sicherlich gerne selbst den Titel holen. Die brasilianischen Fußballer fiebern den ersten Spielen ebenso entgegen, wie die anderen Mannschaften. Anders als ihre Mitbürger, die nur sehen, was diese WM die Gemeinschaft kostet: Anstelle von dringend benötigten Krankenhäusern und Bildungsstätten werden für immense Kosten Stadien an Orten errichtet, an denen normalerweise kaum Fußball gespielt wird. Indigene Einwohner werden zwangsumgesiedelt, Demonstranten, die um einen Boykott der WM bitten mit Gefängnis bedroht. All das sind Geschehnisse, die der durchschnittliche Fußballfan nicht wahrnehmen möchte. Will er doch an die Reinheit des Spiels und dessen Ausgangs glauben. Welche Schiebereien im Hintergrund geschehen … davor möchte er am liebsten die Augen verschließen und sich von den Alltagsnöten ablenken lassen. Ein Fußballfest genießen.

 

Außerdem hält man sich in Italien – um ganz besonders in Piagnolia – gerne unabhängig von Obrigkeiten. Was geht einen die Partei, was geht einen Rom an, wenn man im Dorf doch einfach mit Gemeinschaftssinn gut über die Runden kommt. Man hilft sich gegenseitig und bleibt lieber unbemerkt, so unbemerkt, dass die Steuern, die eigentlich abgeführt werden müssten das eben nicht werden. Das hilft den Großgrundbesitzern, damit der Gemeinde und letztendlich dem Gemeinwohl aller Bürger Piagnolias. Agostino, der allseits beliebte Bürgermeister, versteht es geschickt, diese Tatsache weder in Rom noch sonst wo ruchbar zu machen.

 

Aber niemand hat damit gerechnet, dass ein lange verloren geglaubter Sohn Piagnolias den Weg in sein Heimatdorf zurückfindet – mit dabei hat er einen Koffer voller Geld. Geld, dass ihm nicht gehört.

Gleichzeitig erfährt der Unterhändler der faschistischen Partei, der damit betraut ist, die Übergabe eines mit Geld gefüllten Koffers an Funktionäre des griechischen Fußballverbandes zu überreichen ein wahres Fiasko. Der Koffer ist leer, bzw. mit Zeitungen befüllt, vom Geld fehlt jede Spur …

(Wett)Betrug gab es schon häufiger in der langen Geschichte des Fußballs und wenn man ehrlich ist, kann man nicht so tun, als ob das etwas Neues wäre. Dass aber ein Staat, eine Partei, der Duce himself 1934 die in Italien stattfindende WM so massiv beeinflusst hat, dass Italien aus dieser nur als Farce zu bezeichnenden Weltmeisterschaft als Sieger hervorging – wer weiß das heute noch?

 

Die Aktualität allerdings ist durchaus gegeben.

Vielleicht war es genau diese Aktualität, die Matthias von Arnim dazu veranlasst hat, sich mit dem Thema aus historischer Sicht zu beschäftigen – gibt das doch Raum für eine interessante Perspektive. Geschaffen hat er dabei einen äußerst unterhaltsamen und gleichzeitig informativen Roman, der als Nebenwirkungen eigene Recherche zum Thema und einen veränderten Blick auf derlei Veranstaltungen hat. Geschickt verwebt von Arnim den historischen Hintergrund, die Tatsachen, mit fiktiven Ereignissen um das ebenso fiktive Piagnolia, das mit seinen liebenswerten Bewohnern einen Hauch von „Don Camillo und Peppone“ versprüht.

 

Nichts wirkt gestelzt oder hölzern, alles ist authentisch. Die Werte des Gemeinsinns, des Zusammenhaltes, der Freundschaft – hier findet man sie tatsächlich umgesetzt. Elf Freunde müsst ihr sein – aber hier außerhalb der Platzes. Das Fußballspiel steht als verbindendes Element zwar im Mittelpunkt der Geschichte, doch muss man als Leser weder ein Kenner dieser Mannschaftssportart sein, noch sie mögen, um sich mit diesem Roman bestens unterhalten zu fühlen.

 

Im Umgang mit den Obrigkeiten zeigen die Einwohner Piagnolias eine wunderbare Cleverness – nichts wirkt plump sondern alles sympathisch klug, was zur Rettung des verlorenen Sohnes und neuer Verbündeter im Kampf für die Erhaltung der Autonomie getan wird. Land und Leute, sowie die Atmosphäre der damaligen sind fein erfühlt und so gut umgesetzt, dass man bei Lektüre fast vergessen mag, dass nicht die WM 1934 in Italien, sondern die WM 2014 in Brasilien ansteht.

 

Piagnolia mag zur Zeit noch ein Geheimtipp sein, hat aber perspektivisch das Zeug dazu, auch hartgesottene Fans vom Fernseher weg in den Lesesessel zu lotsen.

Wenn ihr das Leder ein bißchen mit treten wollt – zögert nicht, ab mit euch zum Buchhändler eures Vertrauens.

Auf dieser Webseite könnt ihr euch vorher noch über Autor und Buch informieren.

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