Verfasst von: Bri | 6. April 2014

Von Dämonen im Glas und anderen Begebenheiten

Paul Clément ist Arzt und etwas gelangweilt, als er im Jahr 1872 eine Assistenzstelle auf den französischen Antillen angeboten bekommt. Der Reiz der exotischen Landschaften und die Vorstellung, seltene Krankheiten kennen und heilen zu lernen, lassen ihn das Angebot zügig ergreifen.

Auf der Insel Saint-Sébastien kommt er mit merkwürdigen Vorgängen in Kontakt. Geheimnisvolle Zeichen vom einheimischen Priester, dem Bokor, beschworen, um bestimmte Geister herbeizurufen. Lebende Tote, Auferstandene, die wie Zombies durch den Urwald irren. Der Bokor und seine Meute, die ihnen Einhalt gebieten. Gruselmomente im Paradies, die der junge Arzt hautnah miterlebt. Ein Schweigegelübde wird ihm unter Androhung des Todes bei Schwurbruch auferlegt. Er ist sich sicher, dass er bis in sein Grab über die verstörenden Erlebnisse schweigen wird.

Die Schwelle von FR TallisZurück in Paris versucht er, das Erlebte zu vergessen und wirft sich komplett in seine Arbeit als Mediziner. Vor allem die neuesten Erkenntnisse über Nahtod-Erfahrungen, die man durch die größtenteils noch in den Kinderschuhen steckenden neuen Reanimationsmethoden berichtet bekommt, faszinieren ihn. Die Kenntnisse, die er im Urwald über gewisse Substanzen erworben hat, nutzt er nun, um die Schwelle selbst zu überschreiten. Doch vorher tut er genau das, was er auf alle Fälle hätte vermeiden sollen: Er bricht sein Schweigegelübde …

Damit ist der Grundstein gelegt für eine Geschichte, die sich zwischen allen Stühlen bewegt: Mal absolut fundiert historisch, dann wieder schwarz magisch, Opium geschwängert dämonisch oder christlich-heilsbringend. Sehr gut recherchierte Fakten in den Bereichen der Kunst, der Architektur, der Medizin und Psychologie bilden eine solide Basis für einen Roman zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit. Das allerdings schafft keine wahren Spannungsbögen. Stilistisch und handwerklich auf hohem Niveau, schafft F. R. Tallis es leider nicht, sein großes Wissen in Spannung zu transformieren.

Einige teilweise etwas reißerische Höhepunkte der besonderen Art bilden lediglich kurze Spitzen zwischen der ansonsten gemächlich dahinfließenden Handlung. Unterhaltung wird geboten, doch „Grusel und Hochspannung im Überfluß“ wie der Klappentext es verspricht, ist nicht zu finden.

Die Schwelle ist auch dank seiner plastisch beschriebenen Handlungsorte ein sehr gut recherchierter, fundiert aufgebauter historische Roman mit kurzen Ausflügen ins Übersinnlich – Dämonische, der eines nicht schafft: Die Grenze zur Spannungsliteratur tatsächlich zu überschreiten.

 

Wer sich einen eigenen Eindruck verschaffen möchte, kann dies wie immer zunächst auf der Verlagsseite tun.

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