Verfasst von: Bri | 19. Februar 2014

Es hätte sein können …

Drei Menschen des 20. Jahrhunderts, drei außergewöhnliche Leben, gepackt in einen Roman. Lebensbilder verwoben mit Fiktion, nein eher zusammengesetzt wie Scherben, die auf einem antiken Grabungsfeld gefunden wurden und nun zu ein mögliches Ganzes zeigen.
Warum man das tut? Weil es geht.

Der einzig mögliche Treffpunkt der drei Menschen, um die es in Alex Capus Roman Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer geht, könnten sich nur an einem Tag im November des Jahres 1924 zur gleichen Zeit am selben Ort aufgehalten haben. Drei Leben, die aneinander vorbeiziehen und doch irgendwie etwas gemeinsam haben könnten.

Der Fälscher Emile Guilléron ist auf dem Züricher Hauptbahnhof, weil er den letzten Wunsch seines Vaters zu erfüllen hat.                                                          Capus

Die Spionin Laura d’Oriano ist gerade mal ein Backfisch und mit ihren Eltern auf der Durchreise.

Der Bombenbauer Felix Bloch, Physiker und späterer Nobelpreisträger ist ebenfalls unterwegs – den Quanten auf der Spur.

Zürich Hauptbahnhof – dort lässt Alex Capus seine Protagonisten in den Zug des Lebens steigen. Als Mitreisende bekomme ich die verschiedenen Stationen von Felix Bloch, Emile Guilléron und Laura d’Oriano ohne inhaltliche Verbindung zueinander und dennoch strukturell gleichzeitig vor Augen geführt.

Habe ich mich einmal in das Leben des Einen oder der Anderen vertieft, bremst der zwangsweise erfolgende Umstieg in den nächsten Lebenszug innerhalb eines Kapitels meine Reisegeschwindigkeit abrupt ab. Ich würde doch gerne den Ort, den ich gerade interessant und spannend finde noch etwas tiefer erforschen – aber dafür muss ich einen Umweg machen, der mir nicht in die Reiseroute passt.

Interessant sind die einzelnen Stationen an denen Felix Bloch, Laura d’Oriano und Emile Guilléron verweilen – doch der Gesamtstreckenverlauf bleibt mir verborgen. Vielleicht ist das auch nicht wichtig – denn schon Goethe nannte ja bekanntlich den Weg das Ziel. Doch die Frage „wohin will er, der Autor“ blieb bis zum Schluss offen.

Erlesen habe ich mir den recht fundiert nachgezeichneten Lebensweg Felix Blochs, der mir trotz seiner Mitarbeit am Bau der A-Bombe der sympathischste Mitreisende war.

Laura d’Oriano, die als junge aufgeschlossene Frau in den 1920er bis 1930er Jahren so manchen Tabubruch nicht als solchen erkannte, zeigte sich mir trotz weniger Details überraschend lebendig.

Tatsächlich fast übersehen könnte man den Fälscher Emile Guilléron, der im Schatten der Geschichte seines Vaters verweilen muss, die mehr Raum einnimmt als die Seine. Das mag daran liegen, dass Vater und Sohn durch die absolute Namensgleichheit schnell mal verwechselt werden können oder daran, dass sie auch noch dasselbe Talent zum Beruf machten: Scherben untergegangener Kulturen zusammenzutragen und über ein wissenschaftliches Maß hinaus Kunstwerke durchImagination zu schaffen, die es zwar in dieser Form nie gab, die aber dennoch große gesellschaftliche Anerkennung fanden.

Und so scheint auch Alex Capus Scherben aufgesammelt zu haben, die er unbedingt zu einem schönen Ganzen zusammensetzen wollte. Schade nur, dass die Bruchstücke an manchen Stellen absolut nicht zueinander passen – zumindest für mich nicht.

Die Reise war eine interessante, wiederholen werde ich sie wohl nicht. Dazu gibt es noch zu viele neue Reisen für mich.

Wer sich auf die Reise begeben möchte  – und dazu rate ich immer an – der erhält auf der Verlagsseite alle Informationen, die er für den Start benötigt.

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Responses

  1. Danke für diese interessante Besprechung. Alex Capus scheint immer viele begeisterte Leser für seine Bücher zu finden, deshalb freue ich mich, hier auch mal eine etwas kritischere Auseinandersetzung zu lesen. Ich kenne bisher noch nichts von ihm, seine Bücher reizen mich aus irgendeinem Grund nicht so wirklich und ich scheine, bei diesem hier zumindest, nicht viel zu verpassen.

    • Ich habe von Alex Capus bisher Léon und Louise und Reisen im Licht der Sterne (eine wirklich gute Annäherung an R. L. Stevensons Leben) gelesen und beide fand ich sehr ausgereift und gut erzählt. Deshalb war ich von diesem hier ein wenig enttäuscht. Vieleicht habe ich aber auch den Gedanken dahinter nicht richtig begriffen. Mir waren die Einzelteile ein wenig zu beliebig zusammengesetzt. Aber das mag auch persönlicher Geschmack sein.

      • Natürlich, jeder liest ein Buch anders – Geschmäcker sind eben unterschiedlich. Ich kenne bisher – wie erwähnt – noch nichts von Alex Capus, was vielleicht auch daran liegen mag, dass mich Bücher, die in aller Munde sind, häufig abschrecken. Vielleicht sollte ich doch noch mal irgendwann einen seiner Romane in die Hand nehmen. 🙂

      • Ja, das ist ja auch gut so. Aber ich weiß, was Du meinst, mir geht es häufig auch so, dass ich ein wenig überrascht bin, dass in schneller Abfolge ein Buch nach dem anderen veröffentlicht wird. Auch ich lese manches Buch nicht, weil es gerade so sehr „in“ ist. Aber was ich Dir von Capus wirklich ans Herz legen kann, ist Reisen im Licht der Sterne.


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