Verfasst von: Bri | 10. Februar 2014

„Was ist das für ein Vaterland, für das man zum Mörder werden muss?“

Paul Hoffmann ist 14 Jahre alt, lebt mit seinem Eltern, dem älteren Bruder Max und der jüngeren Schwester Gertrud in der Stadt, in der seine Mutter den elterlichen Laden weiterführt. Der Bauernhof väterlicherseits, im Umland gelegen, wird traditionell vom ersten Sohn der Familie, Pauls Onkel betrieben. Wo genau das örtlich anzusiedeln ist, bliebt ungeklärt, ist allerdings auch belanglos, denn die Geschehnisse, die aus Pauls rückwärtiger Sicht geschildert werden, hatten überall in Deutschland, ja in Europa und auf anderen Kontinenten, dieselben Auswirkungen.

Am 1. August 1914 ist es soweit:
Nachdem vor kurzem der österreichisch-ungarische Thronfolgerin Sarajevo einem Attentat zum Opfer fiel, greifen die militärischen Bündnisse Europas und es kommt zur Mobilmachung des deutschen Heeres und der Flotte.                                                                                                                                                                                                      Zeit der grossen Worte

„ … „Österreich – Ungarn ist unser Verbündeter,“ sagte Max. „Und wir stehen zu unserem Wort.“
„In Treue fest!“, sagte Großvater.
„Das feige Schurkenstück darf nicht ungesühnt bleiben“, sagte Vater. „Das ist eine Frage der Ehre.“
„Nun hört mal auf“, sagte Mutter. „Noch weiß man nicht, was der Kaiser dazu sagt.“
„Dem Kaiser bleibt keine Wahl“, sagte Großvater Wilhelm durch den Qualm seiner Pfeife.
„Die Zeit ist reif“, sagte Vater. „Über vierzig Jahre Frieden haben uns schläfrig gemacht. Schläfrig und bequem.“ … „

Angestachelt von den früheren „glorreichen“ Schlachten und Siegen werden viele, vor allem junge, Männer von einer unfassbaren Kriegseuphorie erfasst und melden sich freiwillig. So auch Pauls Vater und sein Bruder Max.

Weihnachten 1914, so der allgemeine aber irrige Glaube, feiert man wieder Zuhause und in Frieden. Weit gefehlt.

Herbert Günthers Jugendroman „Zeit der grossen Worte“ zeigt in einer einfachen Sprache, aber dennoch sehr authentisch, was Krieg bedeutet und welche Auswirkungen er hat. Aus Euphorie wird blanker Horror:

„ … „Das ist der Krieg, Paul, dieser einzige Moment. Du oder ich. Totschießen oder totgeschossen werden. Alles andere sind große Worte, verlogenes Zeug, an das ich nicht mehr glaube. …“

Das Bangen um die Liebsten im Feld der Zuhause Verharrenden, die Qual der Soldaten sind allgegenwärtig. Überstehen kann man im Feld nur, wenn man sich innerlich zurückzieht, abspaltet Jegliches Tun ist auf ein einziges Ziel gerichtet: den immer in Greifweite gewähnten Sieg.

… Aber was ist das für ein Vaterland, für das man zum Mörder werden muss? ...“

Wir schreiben das Jahr 2014 – noch nie währte so lange Frieden in Europa, wie seit dem letzten, dem Zweiten Weltkrieg, der von deutschem Boden ausging. In Deutschland gibt es seit einiger Zeit keine Wehrpflicht mehr. Ein Berufsheer soll aufgebaut werden – auch mit Hilfe von blutjungen Männern und Frauen. In Jugendzeitschriften und anderswo wirbt die Bundeswehr offen und ohne moralische Bedenken für sogenannte „Abenteuercamps“ – augenscheinlich mit Rekrutierungsgedanken. Ganze 100 Jahre nach dem Ereignis, das als Erster Weltkrieg in die Geschichte einging.
Unfassbar, aber wahr.

Da es keine Zeitzeugen mehr gibt, die den jungen Menschen von heute deutlich machen können, was Krieg wirklich heißt – Töten und getötet werden – sind Bücher wie „Zeit der grossen Worte“ immens wichtig.

Denn eigentlich gibt es keine Feinde, nur Menschen. Menschen die alle im Grunde ihres Herzens dasselbe wollen, wie die wahren Anekdoten über das erste Weihnachtsfest in den Schützengräben zeigen:

… Heiligabend haben wir Weihnachtslieder gesungen. Und auf einmal hörten wir, wie hundert Meter weiter die Franzosen in ihren Schützengräben Beifall klatschten. Und dann sind sie rausgekommen, und wir auch, zwischen den Stacheldrahtsperren und den Bombenlöchern haben wir uns getroffen, Hände geschüttelt, geredet, gelacht, gesungen, es gab Verbrüderungen, Schulterklopfen, Umarmungen – für eine Nacht, Paul, und dann ist der Irrsinn weitergegangen. Aber ich sage dir, da war keiner von den Franzosen, der mir irgendetwas wegnehmen will, keiner der mir was Böses wünscht, die sind genauso arme Schweine wir wir … „

In diesem Sinne wünsche ich diesem Buch ganz viele Leser – ob jung oder alt, das ist vollkommen gleichgültig.

Das Buch ist mit einer Leseempfehlung ab 14 Jahren ausgegeben, die mir sehr angemessen erscheint. Weiterführende Informationen wie immer auf der Verlagsseite oder beim Buchhändler eures Vertrauens.

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Responses

  1. […] brisliteratouren stoße ich auf eine Besprechung zu Herbert Günthers ,Zeit der großen Worte‘, ein […]


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