Verfasst von: Bri | 12. Januar 2014

… und lasse mich nichts im Leben aushalten müssen

Politisch aufrührerische Zeiten waren es in den 1830er Jahren, als es den erst 18 jährigen Georg Büchner von Darmstadt ins politisch freiere Straßburg verschlug. Vorrangig wegen des Medizinstudiums, politische-freiheitliche Ansichten ergaben sich dort zwangsläufig aus der Liebe zur Philosophie. Eine andere Liebe fand der junge leidenschaftliche Büchner in der 3 Jahre älteren Tochter seiner Vermieter: Wilhelmine Minna Jaeglé, eine hübsche, kluge junge Frau, die nichts lieber getan hätte, als die Naturwissenschaften zu ihrem Thema zu machen. Doch zur damaligen Zeit war das in keinem Fall denkbar.                                                                                                                                                                                                    Büchners Braut

Minna teilt Büchners Liebe zur Wahrheit, zur Freiheit und unterstützt ihn in seinem Tun. Sie liebt es, wenn er mit ihr über die Dinge spricht, die Frauen sonst nicht zu Ohren bekommen.

„ … Hört auf mit diesem Prüfungsstand, der das Leben sein soll. Dann wäre das Leben nur ein Mittel. Aber es ist der Zweck selbst. Die Entwicklung ist der Zweck des Lebens, es ist Entwicklung. … „
(Seite 28)

1832 kommt es zur heimlichen Verlobung, eine Heirat wird es nie geben, Minna bleibt auf ewig Büchners Braut. Georg Büchner stirbt 1837, 24jährig, in Zürich an Typhus. Minna hat sich, ganz die Seine, den Weg zu ihrem sterbenden Geliebten hart erkämpft und trifft ihn zwar noch lebend, doch schon nicht mehr unter den Lebenden weilend, an. Dabei hatte sie immer nur um eines gebetet:

„ … Und lasse mich nichts im Leben aushalten müssen …“
(Seite 63)

Zuviel musste ihre Mutter aushalten, zu früh ist diese daran gestorben. Und leider wird auch Minna einiges in ihrem Leben aushalten müssen. Sie wird gezwungen, sich den eigenen Lebensunterhalt als Gouvernante oder Erzieherin fremder Kinder zu verdienen und erfährt mehr Anteil an ihrer Situation, als ihr manchmal lieb ist. Diese Lebensgeschichte könnte auch von Jane Austen erdacht worden sein …

Bücher über bedeutende Schriftsteller haben meist die Schriftsteller selbst zum Mittelpunkt. Büchners Braut ist nicht nur in diesem Punkt erfrischend anders. Beate Klepper gelingt es in ihrer einfühlsamen Romanbiographie, Georg Büchner durch die Augen seiner Verlobten lebendig werden zu lassen. Hier wird ein leidenschaftlicher, politischer Mensch gezeichnet, der nicht anders kann, als seine Schriften zu veröffentlichen. Ob es daran liegt, dass er als geliebter Mensch beschrieben wird, das mag sein. Sicherlich liegt es aber auch daran, weil Büchner in seiner Beziehung zu einer klugen und wissbegierigen Frau gezeigt wird. Frauen dieser Zeit waren sonst eher schmückendes Beiwerk, versorgten Haus und Hof, kümmerten sich um die Erziehung der Kinder, hatten aber kaum Zugang zu Forschung und Wissenschaft. Dass Büchner hier als emanzipierter Mann gezeigt wird, der auf Augenhöhe mit seiner Geliebten lebt, mit ihr diskutiert und sie einbezieht in seine Gedanken, das macht dieses Buch zu einem Lesegenuss.

Sprachlich wunderbar in der Zeit, liest sich Büchners Braut flüssig und leicht, obwohl soviel Inhalt darin steckt. Und soviel Recherche und Liebe zum Thema.

Nach der Romanbiographie geht es weiter mit Büchners eigenen Werken – dank Beate Klepper aus einem neuen, anderen Blickwinkel, der mir den aufrührerischen jungen Mann näher gebracht hat, als jede Schulstunde oder jedes Seminar.

„ … Weiß Gott, mag sein, die ganze Welt ist zu klein für mich. Hoffentlich wachse ich nicht noch. Es muss unerträglich sein in einer Welt in der alles zu klein ist, wenn man über das normale Maß hinauswächst, wie bedrängt man von den kleinen Dingen und Menschen sein muss.
Über sich hinauswachsen, dachte er, und hockte sich mit einem Schwung auf die Bettkante. …

(Seite 91)

Mehr Informationen findet ihr wie immer auf der Verlagsseite.

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Responses

  1. Das ist der beste Buchvorschlag im Post-Büchner-Jubiläumsjahr…! Danke.

    • Freut mich, man muss ja auch etwas für nach den Jubiläen haben 😉


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