Verfasst von: Bri | 9. Dezember 2013

Doppelbödigkeit in Perfektion

Serena Frome ist Anfang 20 als der alternde Tony Canning in ihr Leben tritt und sie beim MI5 – dem britischen Inlandsgeheimdienst – in Lohn und Brot bringt. Typischerweise werden auf diese Art – durch das traditionelle „Hand auflegen“ wie Ian McEwan ganz bildlich und fein ironisch beschreibt, was schon in der Antike als  Emanzipation bezeichnet wurde – junge Männer protegiert. Serena jedoch ist jung, bildhübsch, klug und eine passionierte Leserin, weshalb sie innerhalb des Geheimdienstes für ein Projekt namens Honig ausgewählt wird, das Autoren finanziell unterstützen soll, deren politische Gesinnung der britischen Regierung angenehm ist. Schließlich befindet sich die Welt gerade mitten im Kalten Krieg.                                                                                                                                                                                                                                                                                             Honig

Serena wird auf T. H. Haley,  einen jungen Autor angesetzt, der im Brotberuf an einer Universität lehrt und bereits einige Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Seine Kurzgeschichten gefallen Serena genauso gut wie der junge Mann schließlich selbst. So entspinnt sich zwischen den beiden ein Verhältnis, das nicht nur von Seiten Serenas durch Täuschungen und Geheimnisse geprägt ist.

Täuschungsmanöver beherrscht auch Ian McEwan meisterhaft. Er spielt mit allem, was er zur Verfügung hat: dem Genre, den Figuren, den Ebenen unf vor allem mit dem Leser. Anfänglich ob der gemächlichen Entwicklung des „Agentenromans“ etwas ratlos, kann man dennoch Gefallen an der präzisen Beschreibung der Verhältnisse während dieser doch recht angespannten Zeit innerhalb Europa und der Welt finden. Mit feiner Ironie zeigt McEwan sowohl das gesellschaftliche Leben  in den beginnenden 1970er Jahren in England als auch die Maschinerie des Literaturbetriebes. Er erzählt Geschichten innerhalb der Geschichte und verwebt darin auch noch die Realität. So wird eine raffinierte Doppelbödigkeit erschaffen.

An Genregrenzen hält er sich nicht – wozu auch? Erfährt der Roman durch die Nichteinhaltung dieser Grenzen doch eine wunderbare Unberechenbarkeit.

Bis zuletzt, ach was, bis zu diesem Zeitpunkt, in dem ich versuche, meine Gedanken zu diesem so perfekt konstruierten Roman, dem man die Perfektion ins keinster Weise anmerkt, in Worte zu fassen, bin ich mir nicht sicher, wer der Erfinder Serenas nun tatsächlich ist. Natürlich kann man sagen, McEwan wer sonst? Doch genauso gut denkbar ist es, dass Tom, der unwissentlich vom MI5 finanzierte Autor, der Schöpfer Serenas und ihrer Geschichte ist. Die Fiktion in der Fiktion oder der Wald den man vor Bäumen nicht sieht? Letztendlich ist auch das gleichgültig bei einem Roman wie Honig, der so klug, so durchdacht und trotzdem so überraschend und unterhaltsam auftritt.

Honig war mein erster McEwan, doch sicherlich nicht mein letzter – ganz gleich, welchem nicht eingehaltenen Genre er angehören mag.

Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk für alle Ian McEwan Fans und andere Leser, die Gefallen am Spiel mit der Doppelbödigkeit des Lebens und Lesens haben – Fans von Agententhrillern à la James Bond allerdings werden keine Freude an diesem Regaljuwel haben.

Informationen zu Buch und Autor findet ihr natürlich beim Diogenes Verlag und das Buch selbst – na das wisst ihr ja. Auch wenn ihr schon am Freitag bei eurem Buchhändler des Vertrauens wart, um ein Teil des  Buchhandels-Flashmob zu sein, wird er oder sie sich sicherlich freuen, euch so bald schon wieder begrüßen zu dürfen.

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