Verfasst von: Bri | 3. Dezember 2013

Nicht nur dunkel ist die Nacht

„… Wir sind nicht Kinder Gottes und auch keine Märchengestalten, die sich ewig lieben. Wir leben in der Nacht und tanzen wie die Wilden, damit uns das Leben nicht einholt. Das ist unser Credo.“

In der Nacht leben, das ist es, was Joe Coughlin will, schon immer. Ein anderes Leben führen  als die normalen Bürger im Amerika der ausgehenden 1920er Jahre. Gemeinhin bezeichnet man Menschen wie Joe als Gangster oder Kriminelle – dabei ist er der jüngste Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston. Er selbst jedoch sieht sich als Gesetzlosen. Ein feiner Unterschied, der darin liegt, dass Gangster ausschließlich nehmen und völlig skrupellos handeln. Joe aber gibt und tötet nur, wenn es absolut unumgänglich ist.

Joe Coughlin ist mir ans Herz gewachsen – obwohl er sein Geld mit kriminnellen Machenschaften verdient. Eingeschlichen hat er sich mit seiner Chuzpe und Geradlinigkeit, seinem Selbstvertrauen und einer unglaublichen Cleverness, die ihresgleichen sucht. Regelrecht verguckt habe ich mich in einen Mann, der in den anfänglichen 1930er Jahre zu einem der erfolgreichsten Schmuggler und Syndikatsbosse im Süden Amerikas aufsteigt.                                                                                                                                                                      Lehane

Das Land liegt nach dem Zusammenbruch der Börse und vieler Banken buchstäblich darnieder. Die Menschen verlieren ihre Arbeit und suchen Trost im Alkohol, der verboten ist. Die perfekte Zeit für Joe, um durch geschickte Schachzüge ein wahres Imperium aufzubauen. Er wird respektiert, sogar von seinem natürlichen Feind – dem Polizeichef von Tampa.

„… Ich weiß noch, wie er Sie mir einmal auf der Straße gezeigt und gesagt hat: ‚Das ist der Bürgermeister von Ybor. Ohne ihn ginge hier alles drunter und drüber.‘ … „

Ein weiterer Unterschied zu anderen Gangsterbossen ist seine Fähigkeit, Menschen an sich zu binden. Loyalität ist keine Frage, sie ist eine Tatsache. Trotz der Härte und Brutalität, die er im Umgang mit konkurrierenden Gangs an den Tag legen muss, hat er eine zutiefst menschliche Seite, die ihn schon immer dazu gebracht hat, sein Geld nicht für sich alleine zu behalten, sondern denen zu helfen, die nichts mehr haben. So findet er nicht nur Geschäftspartner, sondern Freunde, die auch für ihn in Tod gehen.

Dennis Lehane ist mit In der Nacht nicht nur ein verdammt spannender Krimi gelungen, sondern ein Roman, der alles hat, was ein wirklich guter Roman braucht. Ausgefeilte Figuren, einen starken Plot und genug Kreativität, um den Spannungsbogen immer noch ein Stückchen mehr dehnen zu können. Darüber hinaus  entwickelt Lehane seine Geschichte mit trickreichen und unerwarteten Wendungen, niemals platt und doch immer in genau dem richtigen Tempo – und seine Figuren entwickeln sich mit.  Lange Ruhephasen gibt es nicht. Sie werden durch plötzliche Ereignisse unterbrochen – als Gesetzloser von Rang muss man eben immer auf der Hut sein, was an der nächsten Straßenecke auf einen wartet. Nur so überlebt man. Angst hingegen ist etwas, das man nicht zulassen sollte und doch erkennt Joe sie in fast jedem seiner Gegner.

“ … Sie fürchteten ununterbrochen, dass ihre Butalität immer maßloser ausufern würde, dass irgendein anderes Ungehauer ihnen ihre Macht wegnehmen würde. Und diese Furcht huschte wie Quecksilber durch ihre Augen; wenn man sie nicht sofort wahrnahm, bekam man keine zweite Chance. In jenem ersten Moment jedoch, wenn sie noch nicht genau wussten, woran sie waren, konnte man das Tier namens Angst genau erkennen, auch wenn es sich in derselben Sekunde bereits wieder in seine Höhle zurückzog. …“

Mitten in Ybor, mitten in den Geschehnissen –  so habe ich mich beim Lesen gefühlt. Die Geschichte, die Personen, die Vorkomnisse ließen mich nicht mehr los, egal ob ich nun in der S-Bahn oder abends bis tief in die Nacht auf meinem Sofa sitzend las. Beeindruckt von der Fähigkeit ein Buch zu schreiben, das Bilder im Kopf entstehen lässt, die einem perfekt geschnittenen Kinofilm gleich kommen und doch tiefer gehen, als ein Film das jemals könnte. Ich fühlte mich wohl in Joes Welt, die im wahren Leben, abschreckend wäre – ich war fast ein Teil der Geschichte, so tief konnte ich in ihr versinken.

In der Nacht ist ein wahrhaftes Œuvre, das selten über Menschen urteilt,  sondern kenntnisreich die gesellschaftlichen Verhältnisse und die daraus entstehenden – auch rassistischen – Entwicklungen im Amerika der Jahre 1926 bis 1935 aufzeigt. Schuldzuweisungen bezüglich der Beförderung des Alkohol- oder Drogenmißbrauchs durch die Syndikate gibt es nicht. So versucht Joes Geschäftspartner und Freund Esteban Suarez ihm auch seine moralischen Bedenken zu nehmen:

“ … Wir sind nicht unseres Bruders Hüter, Joseph. Es wäre eine Beledigung für unsere Mitmenschen, wenn wir ihnen nicht mal zutrauen würden, eingermaßen auf sich selbst aufpassen zu können. … „

Sprachlich brillant, mit Sätzen die wie in Stein gemeißelt wirken, zeigt Lehane auch noch feinen Sinn für Witz und absurde Situationen. Hinreißende und zuweilen unverschämt pfiffige Dialoge runden das Ganze ab.

Die Geschichte selbst ist zwar rein fiktiv, das Personal, das Lehane  auftreten lässt ist es nicht. Gangster wie Lucky Luciano und sein Anwalt Meyer Lansky waren echte Größen und verleihen diesem Knüller einen zusätzlichen Hauch von Authentizität.

Doch nun genug der Lobeshymnen, die das Buch wahrlich verdient. Überzeugt euch einfach selbst, tretet ein in die Welt der Gesetzlosen, werdet ein Teil von ihr und tanzt eine Weile mit – es macht irrsinnigen Spaß sage ich euch!

Mehr Informationen zu Buch und Autor findet ihr auf der Seite des Diogenes Verlages, dem es zu verdanken ist, dass Dennis Lehane nun hoffentlich auch im deutschsprachigen Raum die Beachtung erfährt, die er verdient.

Ich warte gespannt auf eine eventuelle Fortführung  und werde mich bis dahin irgendwie über Wasser halten müssen.

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