Verfasst von: Bri | 22. Oktober 2013

Geschwisterliebe

Giovanni, 17, lebt seit seiner frühesten Kindheit alleine mit seinem Vater in Verona. Getrennt von seiner Mutter, die zusammen mit Giovannis Zwillingsschwester Selvaggia in Genua lebt.

Zwillinge – so sagt man – haben ein besonderes Geschwisterverhältnis, sie verstehen einander wie sonst kein Mensch den anderen. Wenn Zwillinge getrennt werden, getrennt aufwachsen und sich das erste Mal begegnen, empfinden sie ein tiefes Wiedererkennen der eigenen Person – Erkenntnisse, die auch die Zwillingsforschung wissenschaftlich untermauert. Das erste Treffen von getrennt lebenden Zwillingen, die sich nicht aktiv an den Bruder, die Schwester erinnern können, wird mit Aufregung erwartet und löst häufig zunächst zwiespältige Gefühle aus, die meist rasch in das Gefühl der absoluten Übereinstimmung und Nähe umschlagen.

                                                                                                     Die Alchemie der Naehe von Gaia Coltorti

Giovannis Reaktion auf die Ankündigung seines Vaters, dass Selvaggia mit ihrer Mutter wieder nach Verona ziehen wird, ist zunächst Abweisung. Hat er doch so viele Jahre auch ohne die beiden verbracht. Außerdem kennt er seine Mutter nur als recht flatterhaftes Wesen, das keine dauerhafte Beziehung eingehen kann oder will. Selvaggia hingegen ist ihm fremd und er befürchtet eher negative Auswirkungen auf das Familienleben durch ihre Anwesenheit. Das erste Treffen der Zwillinge scheint diese Befürchtungen zu bestätigen. Selvaggia wirkt abweisend, fast schon arrogant und höchst manipulativ. Und doch ist da etwas, das ungekannte und verstörende Regungen in Giovanni auslöst.

Er ist ein junger Mann, mitten im Erwachsenwerden und teilweise noch stark im Würgegriff der eigenen Körperchemie gefangen.Überrascht und gleichzeitig angewidert von den eigenen Gefühlen, stellt er fest, dass Selvaggia ihn nicht nur als Schwester interessiert …

Die Alchemie der Nähe ist der Debütroman der selbst noch blutjungen Italienerin Gaia Coltorti, der die ewige Geschichte von verbotener Liebe erzählt. Coltorti erweitert die klassische Tragödie von Romeo und Julia, die sich aufgrund einer Familienfehde nicht lieben dürfen, um ein starkes Tabuthema: Inzest.

Sie tut dies überraschend einfühlsam und leichtfüßig. Hie und da zeigen Verweise auf Klassiker – nicht nur der italienischen Literatur – dass die Autorin ihren Kanon kennt.

Dennoch lässt mich ihre Entscheidung, die Geschichte der Zwillinge aus der Du-Perspektive, die ausschließlich Giovanni anspricht, zwiegespalten zurück. Zu Beginn ist der Leser sofort mitten im Geschehen, da er die Ereignisse seit des ersten (fatalen) Aufeinandertreffens mit Selvaggia gemeinsam mit Giovanni Revue passieren lässt. Hier entwickelt sich ein gewisser Sog, der aber aufgrund der immer selben Perspektive auf Dauer etwas ermüdend wirkt. Zu gerne hätte ich die direkten Gefühle Selvaggias erfahren. Und das nicht nur aus dritter Hand, über die Erinnerungen ihres Bruders und den damit verbundenen Unschärfen. Immer ist es Giovannis Sicht der Dinge, die die Verwirrung der beiden jungen Leute zeigt – leider. Eine Gegenschau von Selvaggia hätte dem Ganzen einen zweiten, eigenen Ton geben können, der den Bruch des Tabus vielleicht nicht ganz so hormongeschwängert hätte wirken lassen.

Auf mir ein wenig zu langen 366 Seiten werden die Qualen des liebeskranken jungen Paares, das mit sich und den Umständen kämpft sehr deutlich. Ein stetiges Wechselbad der Gefühle, ein ständiges Anziehen und Abstoßen des einen Menschen, der die Erfüllung aller Träume verheißt, der einen selbst zu vervollständigen scheint, ohne den man sich halb vorkommt anstelle von ganz – das hätte vielleicht auch auf ein paar Seiten weniger gepasst.

Aber all das ist für eine siebzehnjährige Autorin (so alt war Coltorti, als sie das Buch schrieb), die sich an ein durchaus gewagtes Tabuthema traut, vielleicht auch etwas viel verlangt.

Die Alchemie der Nähe ist auf jeden Fall ein gewagtes, mutiges und gelungenes Debüt.

Für mehr Information zu Buch und Autorin gehts hier lang.

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