Verfasst von: Bri | 1. September 2013

Adel auf dem Radl, Proleten in Raketen – danke dafür und für vieles andere Herr Herrndorf

Anfänglich schwer in dieses Buch reingekommen, weiß ich zum Schluss nicht wirklich wie ich es einordnen, was ich davon halten soll. Ein Roadmovie, in dem zwei Vierzehnjährige mit einem geklauten, kurzgeschlossenen Lada durch die Gegend fahren, dabei eintdecken, wie schön Freiheit und Freundschaft sind und wie schnell diese eine für sie so wichtige und wunderbare Woche vorrüber ist.

TschickMaik Klingenberg lebt mit seinen Eltern in Berlin, der Vater verkauft Immobilien, die Mutter trinkt. Er selbst ist so sehr daran gewöhnt, dass es ihm nicht wirklich etwas auszumachen scheint. Selbst empfindet er sich vor allem als langweilig. Oberflächlich gesehen – die Familie wohnt im Eigenheim mit Pool – gehört er zu den „Gewinnern“ – auch wenn er sich selbst keineswegs dafür hält..

Zu dieser Gruppe gehört Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, nun schon gar nicht. Er wohnt in einem der Hochhäuser in Hellersdorf, erscheint des öfteren in der Schule offensichtlich stark alkoholisiert und ist ein ebensolcher Aussenseiter wie Maik.

Und genau das scheint es zu sein, was Tschick erkennt. Warum sonst sollte er mit dem geklauten Lada gerade bei Maik vor der Tür auftauchen und ihn auffordern, mit ihm auf Tour zu gehen. Maiks Eltern sind sowieso nicht zugegen – der Vater ist mit der „Assistentin“ bei einem „Geschäftstermin“, die Mutter auf der „Schönheitsfarm“, sprich auf Entzug.

Und damit beginnt eine Tour, die allerhand Überraschungen und Erfahrungen mit sich bringt.

Ich hatte mir von Tschick wohl etwas anderes erwartet, als ich dann von Wolfgang Herrndorf serviert bekam. Eingestellt auf ein irrwitziges Abenteuer, tat ich mich anfangs sehr schwer mit Maiks Geschichte, mit der Alkoholsucht der Mutter. Denn zu oft ist das die Lebenswirklichkeit vieler Jugendlicher – nicht nur in Berlin. Allein gelassen mit den Wirrnissen der Pubertät, des sich Aufmachens in eine neue Welt der Erfahrungen, umhüllt lediglich von materiellem „Fürsorge-Ersatz“, mehr Haben als Sein. 

Damit habe ich mich ca. 80 Seiten lang schwer getan. Bis Tschick auftauchte und nicht nur Maik, sondern auch mich mitnahm auf die Reise in die Freiheit. Ohne Karte, ohne Kompass, aber mit Zuversicht und Spaß am Leben, einfach ins Blaue. So sehr mitgenommen, dass ich sowohl in der S-Bahn, als auch in der U-Bahn beinah meine Ausstiegsstation verpasst hätte – und das obwohl ich mir gar nicht sicher war / bin, was mir dieses Buch sagen wollte. Vielleicht war das auch gar nicht Herrndorfs Ziel – mir etwas zu sagen. Vielleicht wollte er auch einfach noch einmal eine Geschichte erzählen. Und das hat er sehr gut gemacht.  So gut, dass ich mir wünsche, dieses Buch als Film zu sehen, nicht nur in meinem Kopfkino. So gut, dass ich dieses Buch – mit etwas Abstand – ein zweites Mal lesen werde. Und dann ohne Erwartungen und auf der Hut davor, meine Ausstiegsstation nicht zu verpassen.

“ …Clayderman klimperte, und dass er da so klimperte und dazu das eingedetsche Dach, Tschicks zerstörter Fuß und dass wir in einer hundert Stundenkilometer schnellen, fahrenden Müllkippe unterwegs waren, machte ein ganz seltsames Gefühl in mir. Es war ein euphorisches Gefühl, ein Gefühl der Unzerstörbarkeit. Kein Unfall, keine Behörde und kein physikalisches Gesetz konnten uns aufhalten. Wir waren unterwegs, und wir würden immer unterwegs sein, und wir sangen vor Begeisterung mit, soweit man bei dem Geklimper mitsingen konnte. …“

Informationen zum Buch gibt es wie immer auf der Verlagsseite.

Wer sich über Wolfgang Herrndorf weiter informieren möchte, dem sei dessen Blog Arbeit und Struktur wärmstens empfohlen – etwas offeneres, ehrlicheres und mutigeres habe findet man zum Thema Leben wohl kaum.

Das Buch selbst bekommt ihr ohne Schwierigkeiten bei eurem Buchhändler des Vertrauens und ich kann euch sagen, ich habe es nun bereits zum dritten Mal gelesen.



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