Verfasst von: Bri | 11. Juni 2013

Wir wollen was wir wollen …

… „ Alles, was wir haben, ist diese Geschichte, die wir erzählen. Alles was wir tun, all unsere Entscheidungen, Stärken, Schwächen, Beweggründe, unsere Vergangenheit und unser Charakter, was wir glauben – nichts davon ist real; es gehört alles zu dieser Geschichte, die wir erzählen. Aber der springende Punkt ist: Es ist unsere verdammte Geschichte.“ …

Italien – 1962

Schoene Ruinen von Jess WalterPersonen: Pasquale Tursi, dessen Mutter und Tante, Fischer, eine amerikanische junge Schönheit, und andere. Ort: das Dorf Porto Vergogna, eine in die Felsen geschnittene Spalte, an die einige Häuser geklebt sind. Gleich neben Cinque Terre.

Nichts erinnert an die pittoresken fünf Dörfer der Levante, die als Cinque Terre gleich nebenan an der Küste liegen und von Scharen von Touristen heimgesucht werden. Aber das soll nach Pasquales Willen anders werden.Warum nicht Seis Terre? Das war schon der Traum von Pasquales jüngst verstorbenem Vater. Porto Vergogna soll ein Hotel bekommen, das den Ort auch für die große Welt interessant macht. Und so schichtet der junge Mann täglich Steine auf, um seinen künstlich angelegten Strand vor dem Meer zu schützen.

Amerika – unlängst

Personen: Michael (der) Deane, seine Assistentin Claire, ein junger Drehbuchautor, ein älterer italienisch sprechender Herr, Dee Moray und andere. Ort: mal hier, mal dort – von Hollywood nach Idaho. Filmbranche.

Michael sucht nach einer Filmidee, die ihn aus einem Knebelvertrag mit dem Filmstudio heraus bringt. Claire sucht die Idee zu einem guten, zu einem wichtigen Film und dieser Freitagspitch soll entscheiden, ob sie ihren Job kündigen wird oder nicht. Der Freitagspitch ist Menschen überlassen, die irgendwann in ihrem Leben eine Visitenkarte mit der Unterschrift des Deane erhalten haben. An diesem Freitag erscheinen zufällig – oder will es das Schicksal so? – ein junger Drehbuchautor mit Italienisch Kenntnissen und ein älterer Signore mit nur rudimentären Englisch Kenntnissen Der junge Drehbuchautor pitcht einen Film über die sog. Donner-Party, während der ältere Signore sich als Pasquale Tursi, der Strandbauer, entpuppt. Er ist auf der Suche nach der Person, die alle Geschichten in Walters Roman Schöne Ruinen miteinander verbindet:Dee Moray, eine amerikanische Schönheit und Schauspielerin und Pasquales langersehnter und erster amerikanische Gast in Porto Vergogna …

Im Aufbau erinnert Walters Roman teilweise an Mitchells Wolkenatlas und andererseits an Colum McCanns Die große Welt und doch ist er ganz anders.

Viele verschiedene Personen, unterschiedliche Geschichten, verwoben miteinander über Raum und Zeit, ohne dass gleich Klarheit über deren Zusammenhang entsteht. Während McCanns große Welt spielerisch leicht daherkommt, die Verbindungen zwar erahnen aber dennoch im Dunkel lässt und diese dann erst ganz zum Schluss grandios preisgibt, schafft Walter diese Leichtigkeit in Schöne Ruinen nur ansatzweise. Zunächst ein wenig zu starr im Aufbau, zu plakativ, vielleicht sogar zu gewollt, plätschert die Geschichte dahin. Plötzlich aber bekommt sie durch verschiedene Ereignisse eine unerwartete Tiefe. Menschliche Abgründe werden ausgelotet, die Filmbranche in ihrer Berechnung und Unmenschlichkeit gezeichnet und sämtliche Verstrickungen aus der Schublade gezogen, die nur möglich sein können.

An manchen Stellen wünscht man sich weniger von den vielen Details. Zumal die wichtigen, die entscheidenden Szenen meist eher sehr kurz kommen. Eindruck hinterlässt das trotzdem. Denn ab und zu blitzt die Lebensklugheit des Autors unerwartet und deshalb noch willkommener auf.

Schöne Ruinen hätte mich ein wenig ratlos zurück gelassen, wäre da nicht der Schluss gewesen. Nicht wegen des Inhalts oder der Auflösung der einzelnen Geschichten, ein offenes Ende hätte ich gut verkraftet. Nein, wegen meiner Meinung zu diesem Buch. Ich habe mich oft gefragt, was halte ich davon und konnte mich nicht entscheiden. Die Erkenntnis aber, dass das „gute“ Leben dem „berühmten“, dem „großen“ Leben vorzuziehen ist, auch wenn man ab und zu voller Wehmut an die vermeintlich verpassten Chancen zurückdenkt, hat das Buch für mich zu einer schönen Leseerfahrung gemacht.

… „ Sie haben keine Ahnung, ob die Gemälde inzwischen verblasst oder mit Graffiti übersprüht sind, ob der Bunker noch existiert – ob er überhaupt je existiert hat -, aber sie sind jung, und der breite Weg ist leicht begehbar. Und selbst wenn sie nicht finden, was sie suchen, reicht es nicht, draußen im Sonnenlicht herumzustreifen?“ …

Um Schöne Ruinen zu erleben, müsst ihr nicht unbedingt nach Italien reisen, ein Besuch beim Buchhändler des Vertrauens oder auf der Verlagsseite bringt euch diesem Ziel schon näher.

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Responses

  1. Eine schöne Besprechung, die mir Lust darauf macht, das Buch, das hier schon seit ein paar Wochen im Regal steht, in die Hand zu nehmen und zu lesen. Ich bin gespannt auf die Lektüre. 🙂

    • Oh da bin ich dann wiederum gespannt, was Du dazu sagst … lass von Dir hören 😉


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