Verfasst von: Bri | 26. Februar 2013

Befreit von allen Fesseln, eins mit allem

November 1906, Bhamo, Burma (heute Myanmar)

Aufbruch der Expedition unter der Leitung des Geologen Gustav Bronnen. Ziel: Die Vermessung des Salween und die Erforschung des weitgehend noch unbekannten Tibet.

Das ursprüngliche Ziel Bronnens, Untersuchungen in Afrika durchzuführen, scheitert am Kolonialismus und Bronnens Weigerung, den Schutzbrief des Kaisers in den Rucksack zu packen. Denn tatsächlich soll dieser Schutzbrief dazu benutzt werden, Land und damit Bodenschätze zu billigsten Preisen zu erwerben.  Doch Bronnen ist kein Eroberer, sondern ein Forscher mit echtem Interesse an Land und Leuten. Er hat mitnichten vor, seiner Nation mit unlauteren Mitteln zur Ausweitung ihres Territoriums zu verhelfen.                                 av_amtsberg_dach_NEU.indd

Obwohl glücklich mit der Berliner Malerin Emmy Radke verheiratet, zieht es ihn in die Ferne. Tibet soll das neue Ziel sein. Zusammen mit dem Fotografen Curt Cohn und dem Zoologen Robert Beermann stellt Bronnen eine Karawane zusammen, die vor allem vermessen und kartographieren, die unbekannte Flora und Fauna erforschen und das alles am besten per Photographie für die Ewigkeit festhalten soll.

Vorzeitig kehren Cohn und Beermann zurück, ohne Bronnen. Er wird nie erfahren, dass er einen Sohn hat.  Emmy ist verzweifelt. Verwünscht den falschen Heimkehrer (Cohn), obwohl auch der wegen seines steifen Beines ein Leben lang an Tibet und Bronnens Tod in einem reißenden Fluss erinnert werden wird. Emmy verabscheut Cohns Hilfsangebote. Empfindet seine Kontaktversuche als eine einzige Last. Irgendwie muss es doch auch für sie einen Weg geben, mit der Trauer um den geliebten Mann fertig zu werden, das eigene vernachlässigte Leben wieder aufzunehmen. Zumindest malen möchte sie wieder können. Als sie sich nicht mehr zu helfen weiß, fällt sie eine für die damalige Zeit ungewöhnliche und mutige Entscheidung: sie begibt sich auf Spurensuche nach Tibet.

Sabine Amtsbergs Dach der Seligen ist weit mehr, als nur die Geschichte einer Frau, die versucht, einen furchtbaren Verlust zu verwinden. Zunächst erscheint es, als ob Emmy Bronnen-Radke im Mittelpunkt der Handlung steht. Doch spätestens als diese während der Anreise nach Tibet von einem ihr unbekannten Botaniker die Tagebücher ihres Mannes zugeschickt bekommt, rückt der Verstorbene ins Zentrum der Geschichte. Emmy’s Schiffreise bildet den Rahmen für die eigentliche Handlung, die wirklich wichtigen Geschehnisse des Romans.

Diesen Rahmen schmückt Sabine Amtsberg liebevoll mit kurzen Episoden und wunderbaren zeitgenössischen Figuren. Sie verleiht diesen Kapiteln mit einer Sprache, die direkt dem Jahr 1910 entsprungen zu sein scheint, funkelnden Glanz und Esprit. Authentischer geht das nicht. Und doch bleibt das „nur“ der Rahmen für das Wesentliche: die Bronnen – Tagebücher. Diese erscheinen durch Sprache und Stil komplett anders, aber in nichts weniger authentisch. Diese Tagebücher werden nicht gelesen, sie werden gelebt. Ich ging den Weg, die Verwandlung des Gustav Bronnen. Etappe für Etappe, Schritt für Schritt. Die kleine anfängliche stilistische Schwäche der zu stark eingesetzten indirekten Rede und der zu häufig unaufgelösten rhetorischen Fragen macht Sabine Amtsberg damit alle Mal wett.

Einesteils war ich voller Bewunderung und Achtung für die Entwicklung Bronnens, anderenteils blieb eine leichte Befremdlichkeit nicht aus. Ich ahnte das Ende und hoffte das Beste für den Fernreisenden.

Bisher ist Das Dach der Seligen  wohl noch ein Geheimtip – doch das darf es nicht bleiben. Zu eindringlich schildert es das, was uns Menschen auf unserem Weg durch diese Welt passieren mag. Und ausserdem steckt in jedem von uns ein kleiner Teil Gustav Bronnens.

… “ Ich sehne mich nach einer Zeit, welche nicht bemessen oder gefüllt wird. Nach einem Raum, der nicht überwunden oder von Grenzen zerschnitten wird. Nach dem Recht, die Richtung zu wechseln, oder auch im Kreis zu gehen. Oder einfach zu verweilen. Ich will die Unbeweglichkeit der Steine teilen, in die Stille der Salzseen tauchen. Ich will einen Hügel erklimmen, nur um auf der anderen Seite wieder hinabzusteigen. Die Freiheit, einen Bogen um einen Hügel zu machen. Ich will nichts und miemanden vermessen, keinen Berg oder Fluss mit Namen strafen, keine weißen Flecken auf der Landkarte mit Blindenschrift für die füllen, deren Fuß diese Landschaft nie berühren wird. “ …

(aus Gustav Bronnens viertem Tagebuch)

Informationen, um beim Buchhändler des Vertrauens dieses Kleinod zu erstehen, finden sich wie immer auf der Verlagsseite.

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Responses

  1. Was für eine verlockende Rezension. Ich bin dann mal weg zur Buchhändlerin meines Vertrauens. 🙂 Elfengruss

    • Brav so … wirst es nicht bereuen. LG *wink*


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