Verfasst von: Bri | 13. Januar 2013

Rallus‘ Gastrezension – die erste im Jahr 2013 ein Doppelpack

 China Miéville – Die Narbe / Der Leviathan

Bellis Schneewein muss aus der Metropole New Crobuzon fliehen. Sie nimmt die erste Passage auf einem Schiff und einen Job als Übersetzerin an.
Doch das Schiff voll mit gepreßten Remaden (Menschen mit künstlichen Veränderungen, die biologischer oder maschineller Art sein können) wird aber von Piraten gekapert und zu einer schwimmenden Stadt gebracht.

Die Armada ist voll mit aufgebrachten, verschleppten Schiffen, eine schwimmende Stadt, die durch Seile, Stege oder Brücken zusammengekettet ist und sogar ein eigenes in ein Park umgewandeltes Schiff hat. Die “Stadt“ ist in verschiedene Blöcke eingeteilt, die von verschiedenen Interessengruppen beherrscht werden. Die mächtigste Einheit wird von den Liebenden beherrscht – 2 Menschen die sich Narben in den Körper schneiden um sich ihre Liebe zu zeigen, lustvoll und synchron, beide sehen aus wie der Spiegel des anderen.
Alle verbindet ein gemeinsames Ziel – der Ruf eines Avanc, eines Inselgroßartigen Seeungeheuer.

Miévilles Welt ist anders, fremdartig und voller – auf den ersten Blick – ekelerregender Wesen und Lebensformen.
Auf den zweiten Blick ergibt sich eine fantasiereiche, explosiv mutierende, blühende, tiefgründige und geheimnisvolle Umgebung, die der Autor mit seinen manchmal kurzen unangenehmen, schmerzhaften, brutalen Sätzen füllt.

Aber er kann auch verklausuliert, in wabernden nebulösen Sätzen schreiben, in denen Fremdworte wie “koagulieren“, “anergisch“, “kobolzt“ vorkommen, so dass einem der Kopf schwirrt. Der Übersetzer hat hier wieder Schwerstarbeit geleistet (und nebenbei auch ein paar bayrische Begriffe versteckt), gerade die Beschreibungen der seemännischen Aktivitäten sucht seinesgleichen.
Durch seine gleichzeitige Distanz schafft es Mieville den Leser immer im Bilde zu halten, Nähe passiert in dieser Welt nie liebevoll, sondern immer abartig und erschreckend, doch diese kranke, abartige Welt verbirgt in dieser gemeinsamen Unwirklichkeit doch Hoffnung, Sehnsüchte.

Eine ungemein anstrengende Reise in ein teuflisches, unmenschliches Umfeld. Mieville erreicht zwar nicht ganz die Wucht und Erzähldichte von “Die Falter/Die Weber“ aber bewegt sich weit ab von den üblichen Erzählstrukturen.

Vom Verlag, wird der eben angesprochene Roman, in 2 Bücher geteilt, aber der Handlungsbogen wird dadurch unterbrochen.
Also beide hintereinander lesen eine Ouvertüre, die mehr erwarten läßt…

Im zweiten Teil des Buches nimmt die Reise der schwimmenden Stadt rasante Züge an. Der Avanc wird über das Meer getrieben gehalten von Kilometer und Tonnen von Zügeln, die an die Armada geschmiedet sind. Sie wollen zur Narbe, einen Riss im Raum-Zeitgefüge, der das Meer durchschneidet und vom Geisterhaupt Imperium geschaffen wurde.
Die Reise verläuft nicht ohne Probleme, da die Bewohner immer wieder im Ungewissen gelassen werden und sich Widerstand regt.
Die eigentlichen Beweggründe der Liebenden, Dhoul oder Silas Fennek bleiben Bellis bis zuletzt verborgen, die Geschichte nimmt mehrere blutige Wendungen.

Manches was erarbeitet wurde ist plötzlich nur Lug und Trug, dem Leser fällt es immer schwerer, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.
Es bleibt brutal, unerbittlich und blutig in Bas Log, die kurzen Sätze schneiden grausam in meine Gemüt, die Bilder verblassen nur langsam die sich vor meinem Auge auftun.
Ein wieder ungewöhnlicher Roman von Miéville der so gar nicht in ein Genre zuzuordnen ist, Vampire leben neben wissenschaftlich veränderten Menschen, die Magie spielt eine große Rolle und die Welt ist von Artefakten und mythologischen Figuren bevölkert.

Doch am ungewöhnlichsten ist die Sprache, die eine magische brutale Wucht enthält, die Emotionen verdichtet, aus den Seiten herausschleudert, die Akteure und den Leser hilflos zurückläßt.
Die Geheimnisse werden auch nicht enthüllt, der Leser nicht erlöst.

So viele Wahrheiten sind mir vorenthalten worden. Diese gewalttätige, sinnlose Reise war mit Blut getränkt.

Ich fühle mich aufgequollen und krank davon. Und das ist alles: zufällig und brutal und ohne Bedeutung.

Nichts zu lernen daraus. Kein ekstatisches Vergessen. Das Meer wäscht nicht rein von Schuld“

Wie “Der Falter/Der Weber” werde ich diese Albtraumbilder und diesen Roman nicht mehr vergessen.

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