Verfasst von: Bri | 11. Dezember 2012

Geschenktipp No. 4 für literarisch interessierte Risikospieler

“ Das Letzte, was Papa zu mir sagte, das letzte Wort, das ich aus seinem Mund hörte, war Kamtschatka.“

Kamtschaktka ist eine dünn besiedelte Halbinsel im ostasiatischen Teil Russlands. Gelegen zwischen der Beringsee und dem Nordpazifik im Westen und dem Ochotskischen Meer im Westen. Ein recht junges Land, das den gewaltigen Kräften der sich unter die Eurasische Erdplatte drückenden Pazifischen Erdplatte ausgesetzt ist. Zahlreiche der vorhandenen Vulkane sind noch aktiv und jedes Jahr brechen einige davon aus … ein unwirtliches Land und trotzdem ist es für Harry, den Erzähler der Geschichte, von größter Bedeutung.      Kamtschaka

Kamtschatka ist für ihn weit entfernt – er lebt mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder, dem Zwerg, im Argentinien des Jahres 1976 und wird durch die Umstände aus seinem gewohnten Leben und Umfeld gerissen. Die gesamte Familie muss nach einem Mitlitärputsch in Buenos Aires untertauchen, da der Vater als regmiekritischer Anwalt bekannt ist. Für die Eltern eine reine Überlebensnotwendigkeit, wird das hier freiwillige Verschwinden für die beiden Kinder eher zu einem Abenteuer. Ein Buch über Harry Houdini wird für den Zehnjährigen zur Bibel. Als es darum geht, dass die Familie sich eine neue Identität und damit auch neue Namen zulegen muss, benennt er sich nach dem Entfesserlungskünstler, in dessen Fußstapfen er unbedingt treten will.
Als die Eltern verkünden, dass ein Gast zu ihnen stossen werde, der mit ihnen in ihrem Versteck leben soll und Lucas heißt, befürchtet Harry zunächst, Lucas wäre ein Eindringling, der die Zeit mit den Eltern noch knapper machen würde. Lucas muss sich ebenfalls verstecken – offensichtlich ist er Student und nicht linientreu. Obwohl er einige Jahre älter ist, Harrys Fragen meist nicht beantwortet und häufig verschwindet, wird er für Harry ein wichtiger Freund.

Spätestens mit dem Auftauchen von Lucas wird dem Leser klar, wie schwierig die Situation mittlerweile in Argentinien ist. Da ist ein junger Mann, Student, der Fragen nach seiner Herkunft nicht beantworten will, ja darf – um seine Familie nicht zu gefährden? Um die Menschen, die ihm helfen, nicht zu gefährden? Auf jeden Fall, um den Ort, an dem er sich befindet nicht zu verraten.

Und hier kommt wieder Kamtschatka ins Spiel – Harry spielt für sein Leben gern TEG – ein Strategiespiel – in unseren Breiten als Risiko bekannt. Das Ziel dieses Spieles ist es, den Gegner völlig von der Landkarte zu fegen. Harry spielt gegen seinen Vater, der immer mit einer bestimmten Strategie gewinnt … Kamtschatka ist zwar ein unwirtliches Land, dafür aber auch schier uneinnehmbar für den Gegner.

Nach dem Militärputsch 1976 kam es in Argentinien zu einem Terrorregime, das geschätzte 30.000 Menschen, die sich gegen das Regime auflehnen wollten, einfach veschwinden ließ. Noch heute fehlt von vielen dieser Desaparecidos jegliche Spur und ihre Mütter kämpfen darum, herauszufinden, was ihnen wirklich zugestossen ist. Über 30 Jahre später!

Kamtschatka ist mehr als nur eine unwirtliche Halbinsel, es ist ein Ort, an dem man überleben kann:
“ … Ich habe lange Zeit an dem Ort gelebt, den ich Kamtschatka nenne, ein Ort, der dem echten Kamtschatka sehr ähnlich ist (wegen der Kälte und der Vulkane, wegen seiner Abgeschiedenheit), aber den es in Wirklichkeit nicht gibt, denn manche Orte stehen auf keiner Landkarte. Jetzt wo ich die Bedeutung von Abschieden verstanden habe, möchte ich mich von ihm verabschieden. …. Es ist für mich der Augenblick gekommen, wieder an meinen Ort zurückzukehren, ganz dort zu sein, mit meiner ganzen Person, um nicht mehr zu überleben, sondern anzufangen zu leben. … “

Für mich ist es ein Juwel.
Geschrieben in einer sehr schönen klaren Sprache, die die Schrecken des Terrorregimes nicht direkt anspricht und doch nichts auslässt.
Gelesen in einer Zeit, in der ich einen sehr persönlichen Abschied nehmen musste – nicht plötzlich, wie Harry, aber ebenso schmerzhaft.
Aber rotzdem muss ich mein Leben leben, wie Harry.

Infos zum Buch wie immer auf der Verlagsseite

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