Verfasst von: Bri | 10. Dezember 2012

Geschenktipp No. 3 für literarisch interessierte „Jazzer“ oder Ewigkeitssucher

Momente der Ewigkeit

F. Scott und Zelda Fitzgerald DAS PAAR der Roaring Twenties, des Jazz Age, der Lost GenerationDAS PAAR, das die Vermarktung der eigenen Person zugunsten des Erfolges „erfunden“ hat … ein Liebespaar, das kurz nach der Hochzeit bemerkt, dass es das gar nicht ist?

Keiner weiß genau, was in dieser Ehe wirklich passiert ist, keiner weiß, wie es zu Goofos (Zeldas Spitzname für Scott in Alabama Song) Alkoholsucht kam – aber süchtig waren damals viele. Nach Alkohol, nach Drogen, nach Ruhm – und nach dem Gefühl, etwas ewig Währendes geschaffen zu haben. Es gab kurze Momente, in denen die beiden glaubten, es zusammen zu schaffen, doch die Wahrheit war wohl eine andere.                                                            leroy_alabamasong_3D

Alabama Song ist reine Fiktion – so schreibt es der Autor in seinem Nachwort. Er zählt auf, welche Szenen er frei erfunden hat, welche Personen eventuell Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen im Umfeld der Fitzgeralds haben könnten. Und so ist dieser Roman auch zu lesen. Nicht als Biographie, sondern als mögliche Spielart  eines Lebens, einer Ehe, einer Liebesbeziehung. Wer sich Aufschlüsse über das Leben eines der begabtesten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts erhofft, wird sie nicht finden. Immer ist es Zelda, die ihre Geschichte erzählt, niemals Scott.  Eine einseitige Betrachtungsweise, die aber nicht zwingend nur weither geholt sein muss.

Hat F. Scott Fitzgerald nur von Zelda abgeschrieben und war gar nicht das sprachliche, literarische Genie, für das ihn alle hielten? Schwer zu glauben für diejenigen, die seine Romane und Kurzgeschichten gelesen haben. Fakt ist wohl, dass einige ihrer Kurzgeschichten unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Fakt ist auch, dass das Leben mit Zelda die Vorlage verschiedener großer Romane bildet. Ist Zelda die Muse, die aus Langeweile die Arbeit des großen Schriftstellers unterbricht oder ist sie die Ehefrau, deren eigenes Talent durch den Ehemann vor Furcht vor Erfolg unterdrückt wird? Vielleicht liegt die Wahrheit zwischen diesen beiden Extremen, Gilles Leroy hat sich jedenfalls ganz eindeutig auf Zeldas Seite geschlagen und zeigt sie als wildes unbezähmbares junges Mädchen, mit Hang zu Glamour und Sehnsucht nach Einzigartigkeit und göttlichem Dasein. Unterdrückt von einem Mann, der immer mehr dem Alkohol verfällt und die gemeinsame Tochter aus Zeldas Leben verbannt, wogegen sich Zelda nicht wehrt, da sie erkannt hat, dass sie Patricia Francis nicht wirklich eine Mutter sein kann.

Sprachlich ist das Buch ein Kleinod und kann durchaus neben den großen Geschichten Fitzgeralds bestehen. Ein dichter Roman, in dem man versinken kann … und zuweilen das Gefühl hat, die Sehnsucht nach der Ewigkeit wurde doch manchmal gestillt.

“ …Wenn wir nachts von den Spelunken, in denen wir uns herumtreiben, nach Hause gehen, müssen wir häufig die furchteinflößenden Pariser Armenviertel durchqueren, schwarze Straßen, deren Pflaster von einer Mischung aus Schmutzwasser und Ruß schmierig ist, wo hinter leprösen Fassaden auf finsteren Fluren und Stiegen mit losem Geländer der Gestank von Kohl und elendem Fraß mit dem Muff aus den Etagenaborten wetteifert. Heute Morgen, als wir, aus La Cigale kommend, ein Taxi suchten, irrten wir durch Gässchen, in denen die Mülltonnen umgefallen waren. (Ein unsäglich öder Abend: Wir hatten lauwarmen Champagner getrunken und eingeklemmt zwischen dem verächtlich tuenden Picasso, dem unaufhörlich  quasselnden Cocteau und dem geistesabwesenden, hübschen Radiguet gesessen, und dann waren da noch drei mit Federn herausgeputzte Prinzessinnen, die sich als Musen aufspielten, obwohl sie nichts weiter als Bankkonten waren.) Fleischer schleppten rotweiße Tierkörper auf der Schulter, deren kalter Geruch mich irritierte, in den Bistros bestreute man für den anbrechenden Tag den Boden mit Sägemehl, und die Portierfrauen, die mit großem Schwung ihre nach Teer riechenden Putzeimer leerten, schienen es auf die Füße der Passanten und die Hinterteile der Hunde abgesehen zu haben. Da lallte Scott: „Elende Vorstadt … mit Unheil gesalbt.“ Er hatte es so gut getroffen – ich musste ihn einfach an mich drücken. Ich küsste ihn auf den Mund und vergaß den widerlichen Geruch. Zuweilen liebe ich ihn so sehr.
In solchen Momenten leben wir in einer Lichtkugel, in einer Aura, die sich mit uns fortbewegt. In solchen Momenten sind wir ewig. …“

Mehr zu Buch und Autor findet ihr beim Verlag Kein & Aber, der über ein ausgeprochen schönes Programm verfügt.

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