Verfasst von: Bri | 28. November 2012

Sie haben es verdient!

Sie verdienen das Beste von allem

Den besten Job, die beste Umgebung,

die beste Bezahlung, die besten Kontakte.

Aus einer Anzeige in der New York Times

(Vorwort)

New York, 1956. Tausende junger Frauen entströmen jeden Morgen der Subway.- auf dem Weg zu ihrem Broterwerb, dem Übergangsjob bis zu ihrer Entdeckung als Star oder zum Ort ihrer Berufung. Sie wollen oder müssen ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Die meisten nur so lange bis zur glücklichen Eheschließung mit einem netten jungen Mann. Ein paar jedoch sehen ihr Berufsleben nicht als Übergang an, sondern wollen sich emanzipieren, ablenken, etwas vergessen, sich verwirklichen, unabhängig sein und bleiben.

So wie Caroline, die Hauptfigur in Rona Jaffes Debütroman aus dem Jahr 1958, der schon damals wegen seiner Ehrlichkeit und Tabubrüche für Furore sorgte. Wir deutschen Leser verdanken die Neuübersetzung und Wiederauflage der Kultserie MAD MEN – in der das Buch wohl als Bettlektüre fungiert.

Caroline ist eine von fünf jungen Frauen Anfang zwanzig, die uns tief in ihr Leben einlassen. Sie versucht die geplatzte Verlobung mit ihrer großen Liebe über die Anstellung bei Fabian Publications zu vergessen. Doch der Bürojob selbst füllt sie nicht aus. Sie zeigt Stil in allen wichtigen Belangen des Lebens und steigt durch Hartnäckigkeit, Ehrgeiz und Können bis zur Lektorin auf. Der Weg dorthin ist ein steiniger, aber durchaus interessanter. Sie findet Freundinnen in der bodenständigen Barbara, der etwas naiven, vom Lande stammenden April, der glamourösen und erfahrenen Gregg und nicht zuletzt auch in der etwas unscheinbaren Mary Agnes.

Alle haben sie ein Ziel: die große Liebe finden, den eigenen Weg gehen, Karriere machen, berühmt werden, das Leben mit Kind meistern … und immer wieder sind da Männer, die zu bestimmen haben, wie weit sie dabei kommen.

Dieser Roman aus dem Jahr 1958 ist etwas Besonderes. Besonders, weil er uns heutigen Frauen absolut authentisch zeigt, welche Hindernisse junge Frauen noch vor etwas mehr als 50 Jahren aus dem Weg räumen mussten, um das zu bekommen, was sie sich sehnlichst wünschten und was für jeden Menschen einfach wichtig ist: Selbstverwirklichung, Akzeptanz, Glück und Respekt.

Es gab damals auch in Deutschland einen Paragraphen, der Frauen untersagt hat, nach der Eheschließung ihren Beruf weiter auszuüben – damit Männer die freien Stellen besetzen konnten. Heute aus vielen Gründen unvorstellbar.

Besonders ist der Roman aber auch, weil er ganz offen zeigt, wie Frauen von Männern behandelt werden und wie sich die Frauen dabei fühlen – und das gehört leider nicht nur der Vergangenheit an. Neu dabei war für die damalige Zeit auch die Darstellung der Unsicherheit, mit der sie den Avancen der zumeist Vorgesetzten entgegentreten (müssen) – aus Angst vor Arbeitsplatzverlust oder einfach nur aus Angst vor dem damit verbundenen Ruf.

Rona Jaffe hat nicht nur dieses Buch geschrieben, sie hat eine Stiftung zur Förderung amerikanischer Nachwuchsautorinnen gegründet und war Zeit ihres Lebens bemüht, junge Frauen zu unterstützen und immer wieder auf die gesellschaftlichen Zustände aufmerksam zu machen und diese zu ändern..

Sie hat es mit Das Beste von allem geschafft, mich in eine Zeit zu entführen, die mir plötzlich gar nicht mehr fremd vorkam. Ich war Caroline, Barbara, April, Mary Agnes und Gregg – denn mit jeder einzelnen dieser liebevoll gezeichneten jungen Frauen konnte ich mich in irgendeinem Punkt identifizieren. Gut mit Gregg nicht so ganz *gg*. Durch die abwechselnd zwischen den Erzählsträngen der einzelnen Personen hin und her springenden Kapitel baut Jaffe genügend Spannung auf, um es dem Leser so schwer wie nur möglich zu machen, das Buch aus der Hand zu legen. Ihre eigene Stilsicherheit stellt sie zu Beginn jedes Kapitels unter Beweis: beginnend mit etwas Allgemeinem, das die Zeit, die Gegebenheiten und New York zum Greifen nah erscheinen lässt, blendet sie geschickt auf die einzelnen Geschichten und Personen über. Männern sei dieses Buch ausdrücklich ebenfalls empfohlen – können sie doch auch heute noch einiges über die andere Seite des Mondes erfahren …

Caroline, Mary Agnes, Barbara, April und Gregg haben mich lange begleitet – auch lange nach dem Schließen der Buchdeckel. Das Buch ist übersät mit kleinen bunten Post-Its – Stellen, die mir unter die Haut gingen, die mich erheitert haben, die mich zutiefst berührten. Und keine davon werdet ihr hier lesen, denn ihr habt einen Auftrag: geht morgen in die Buchhandlung eures Vertrauens und fragt nach dem Buch mit dem wunderschönen Cover und dem stylischen Schnitt.

Gönnt es euch, das Beste von Allem, ihr habt es verdient und lasst Bücher mit merkwürdigem Frauenbild, die von irgendwelchen Grauschattierungen handeln, lieber stehen.

Wie immer verlasse ich mich auf euch!

Und wenn dann dieses Buch ausgelesen ist, auf zu einer anderen wunderbaren amerikanischen Autorin:

Jetta Carlton – In Frühlingsnächten

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