Verfasst von: Bri | 25. November 2012

Und für einen Moment steht die Zeit still – Gastrezension von Babscha

New York City in den 70er Jahren. Eine harte, unerbittliche Stadt, regiert von Drogen, Geld, Dreck und Rassenhass. Mitten hinein in diese Welt schreibt der Autor seine Protagonisten: Corrigan, ein junger irischer Einwanderer, zerrissen zwischen seiner Liebe zu einer Latina und dem Zölibat seines Ordens, gleichzeitig selbst ernannter Hüter der Huren der South Bronx, die letztlich zu seinem Schicksal werden sollen. Solomon und Claire, wohlsituiertes Ehepaar aus der Park Avenue, innerlich zerbrochen am Tod des Sohnes in Vietnam, weitgehend sprachlos und jeder für sich auf der Suche nach einem Rest Lebenssinn und einem Ausweg aus dem innerlichen Gefängnis. Tillie und Jazzlyn, Mutter und Tochter, beide Prostituierte, kriminell, drogenabhängig und ohne jede Perspektive. Und viele mehr.

Und dann, eines Morgens, scheint die Zeit einen Moment still zu stehen. Hoch über den Köpfen der rastlosen Stadt steht ein Mann auf einem Seil zwischen den Türmen der Twin Towers, leicht wie eine Feder und in völligem Einklang mit der Welt. Unerhört! Welche Störung der unermüdlichen Hektik und Hast der Stadt! Stürzt er, stürzt er nicht? Für tausende Menschen eine kurze Sequenz lang die alles entscheidende, alle verbindende Frage, bevor das Schauspiel endet und sich die Stadt wieder in ihren unablässigen Fluss auflöst….

In geschickt verschachteltem Aufbau mit vielen, sehr zum tiefen Verständnis beitragenden Rückblenden erzählt der Autor die einzelnen Lebensgeschichten seiner Personen und verknüpft diese nach und nach und mit einigen überraschenden Wendungen zu einem schicksalhaften Ganzen mit Tod und Gewalt als den ewigen Begleitern. Und über allem, quasi als Gegenpol zu den Geschlagenen, erhebt sich der einsame Seiltänzer, als einziger kein Suchender, sondern im Reinen mit sich und seiner kleinen Welt auf dem Drahtseil, eine Traum- und Lichtgestalt, ein Hoffnungsschimmer, und gerade deshalb suspekt.

Ein melancholisches, streckenweise trauriges Buch, und dennoch voller Zuversicht in die Menschlichkeit. Und nicht minder eine große Liebeserklärung an New York.

Ein Genuss für stille, intensive Lesestunden.
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Weitere Infos zu Autor und Buch finden sich wie immer auf der Verlagsseite.

Und nun heißt es wieder: morgen in die Buchhandlung des Vertrauens und gleich als Weihnachtsgeschenk mitnehmen, für sich selbst oder liebe Lesebegeisterte. Sie wissen, ich verlasse mich auf Sie!

Und by the way noch eine Information, die mir Babscha erst gestern zukommen ließ: genau an der Stelle auf dem Dach der Twin Towers, an der Petit seinen Seiltanz begann, stand Babscha 1975 höchstpersönlich. Das ist also der Grund, weshalb er es geschafft hat, dieses grandiose Buch so wunderbar und treffend zu rezensieren.

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