Verfasst von: Bri | 4. November 2012

Rallus‘ Novemberrezension: Solar von Ian McEwan

Gewaltige Raumkreuzer werden in gigantischen Werften erstellt, um in die Unendlichkeit des Raumes zu eilen, auf der Suche nach neuen vielfältigen, für Menschen lebensfreundlichen Planten.
Doch wer erstellt diese Geschwader, welche mit Orden behängten Nobelpreisträger, auf jeden Tag neue die Grenzen der Quantenphysik auslotenden Physiker, sind die Grundlage unserer stolzen Armada?
Welche glorreichen, Hand in Hand arbeitenden, Institutionen sind die Stütze dieser Heroen?
Wir kehren ins Jahr 2000 zurück.
Michael Beard ist ein narzistischer, egozentrischer Physiker, Nobelpreisträger und Frauenheld.
Zur Zeit hat er ein Problem.
Nicht nur dass er seit Jahren keine neuen Ideen mehr hat, dass ihn die englische Gesellschaft schlecht bezahlt und er einen langweiligen Job als Aushängeschild in einem Wissenschaftscenter hat, dessen Mitarbeiter er mit Namen kaum kennt.
Sein Hauptproblem ist seine fünfte Frau Patricia.
Gerade als er sich daran gewöhnt hat, sie auch nach den üblichen 6 Jahren Ehe zu verlassen, als Abgang gewürzt mit einer Affäre, wagt sie sich doch selber eine zu haben mit einem stämmigen, kraftvollen und dummen Bauarbeiter.
Noch schlimmer ist allerdings, dass er sie plötzlich begehrt, schmerzlich.
Sein Blut kommt massiv in Bereiche, was ihm ein zielstrebiges Denken aus dieser Lage herauszukommen, unmöglich macht!
Und überhaupt Frauen: „Wie überaus lästig, dass Frauen nach dem Sex noch genauso intim bleiben wollen wie vor dem Sex, statt kurzerhand ihre Gefühle auf Null zu stellen“
So sieht also die Basis für unsere – im Geiste schon zerstobene – glänzende Raumflotte aus.
Ein abgeschlaffter, schwanzfixierter, Anfangfünziger, der seit 15 Jahren nicht mehr an seine Zehen kommt.
Ein Ausflug an den Nordpol verändert sein Leben anders, als er es sich vorgestellt hat.
Michael Beard schlittert im Verlauf des ersten Teiles von einer Katastrophe in die nächste, allein seine Notdurft im ewigen Eis zu verrichten, ist so traurig wie lächerlich.
Doch er ist auch nur ein Beispiel wie lächerlich sich doch die Menschheit im Schatten einer Katastrophe verhält.
Schlussendlich ist es nur der Zufall der ihn einen Schritt weiterbringt.
Wie soll die Menschheit die großen Probleme lösen können, wenn eine kleine Gruppe es nicht schafft innerhalb einer Woche Ordnung in eine Kleiderkammer zu bekommen.
Wie McEwans uns dies näherbringt, der satirisch überzeichnete Mikrokosmos, der im Chaos versinkt, im Vergleich zum Klimawandel der mit der Kunst verglichen wird, ist beeindruckend.
Die Sätze sind durchzogen von einer scharf beobachtenden Ironie und einer sarkastischen Gesellschaftskritik; McEwans übertreibt aber nie, seine Sätze sind fein, subtil fabuliert.
Wie berechne ich mit der Unschärferelation die Moral, Ethik einer Gesellschaft, kann uns die Physik überhaupt retten?
Köstliche aber auch bitterböse Ironie. Am Ende ist es immer der Mensch der für die Ausführung verantwortlich ist.
Doch ausser guten Vorsätzen wird im Kleinen wie im Großen nichts erreicht, Beard wiegt bald 35, ja 65 Pfund zu viel, die Klimakatastrophe ist auch wieder ein Stück voran geschritten.
Bezeichnend für die direkte Verbindung des übergewichtigen, an allen Ecken und Enden knarrenden Michael Beard, ist die Beschreibung seiner Wehwehchen, bevor er seine Rede vor Investoren mit dem Satz beginnt: „Der Planet ist krank“
Nach dem Vortrag geht er nach hinten und kotzt – zu kotzen ist uns auch zu Mute.
Nicht nur dieser Planet – auch Beard – wird vernachlässigt, ausgeraubt, es zwickt und knackt, an allen Stellen brennt es.
Zwar wird es bemerkt, aber vollkommen ignoriert.
„Das geht nicht einfach weg, bloß weil sie es nicht wahrhaben wollen, oder nicht daran denken.“ Nein weder sein Melanom noch die Kliamkatastrophe.
Wie soll ich auch in dieser auf Eigennutz eingestellten Gesellschaft, die Welt retten.
Es geht um Ruhm und Geld aber nur für einen selber und diese Rechte werden von Investoren und Anwälten mit Zähnen und Klauen verteidigt.
Ein Buch der verpassten Chancen, so wie der Mensch (Beard) antriebslos, mutlos und unentschlossen durchs Leben geht kann er den Planeten nicht retten.
So wie Beard in seiner von Schimmel überzogenen Wohnung haust und es immer was anderes gibt, als dort mal aufzuräumen, so haust der Mensch über die Erde.
Chancen sind da (Kind) aber werden nicht ergriffen, genau wie im Großen (Wahl Bush zum Präsidenten und 8 Jahre Nichtsttun)
Selten habe ich eine Hauptperson in einem Roman so verfallen gesehen, vom Autor dekonstruiert, moralisch, ethisch auf die unterste Stufe gestellt wie in Solar.
Das sollte uns für unseren Planeten zu denken geben, mit dem wir genauso umgehen!
McEwans versteckt dies subtil, er gibt dem Leser Raum zu assoziieren, sich seine Gedanken zu machen.
Mehr Science als Fiction, da es bittere Realität ist, aber wenn so unsere Science aussieht, werden wir wohl noch lange auf unsere Raumflotte warten müssen.
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Wem diese Rezensionen Lust auf mehr gemacht hat, der kann sich über Solar oder Ian McEwan beim Diogenes Verlag näher informieren.

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