Verfasst von: Bri | 2. September 2012

Erste Gastrezension von Rallus – erst mal kein direkter SF, aber guter Stoff

Novellen sind des Autors heimliche Liebschaften doch vom Verleger gefürchtet.
So beginnt das Vorwort von Dan Simmons und gleich schreibt er uns auch, warum auch für ihn eine Novelle einen schriftstellerischen Genuss darstellt.
Abgelöst vom Zwang eines Romanes genießt die Novelle die Freiheiten, die „gemächliche Erzählstruktur einzuatmen, ohne die zusätzliche Verwirrung durch Nebenhandlungen, Nebenfiguren, Kaptelabschnitte und die unausweichlichen Ablenkungen, die die Atmosphäre fast aller [Romane] umwölken“
Wer schon einmal einen Roman von Simmons gelesen hat weiß, von welchen Ablenkungen er spricht.
Und was Simmons uns verspricht hält er auch in den folgenden 5 Novellen, die er kurz in seinem Intermezzo anspricht, wobei das Hauptaugenmerk in der letzten – längsten und persönlichsten – Geschichte „Der große Liebhaber“ liegt.
Allen Novellen haben das Thema „Lovedeath“ gemeinsam – auf interessante, phantastische, skurrile, manchmal auch abstoßende Weise.

Das Bett der Entropie um Mitternacht erzählt die Angst eines, auf bizarre Unglücksfälle spezialisierten, Versicherungsvertreter um seine Kinder, genau dieses Unglück zu erleiden.
Dabei führt uns Simmons spannend auf eine vollkommen falsche Fährte und erzeugt eine kribbelnde Spannung auf einer Abfahrtsfahrt der Gefühle.

Ganz verschieden kommt der Tod in Bangkok daher. Ein Urlaubsbesuch von Marines in Bangkok während des Vietnamkrieges gerät zu einem abstrusen, befremdlichen Albtraum.
Die detaillierten Anatomien und Sexpraktiken die hier geschildert werden, gehören sicherlich zu den absonderlichsten die ich je gelesen habe – ich will auch gar nicht wissen ob so etwas überhaupt möglich ist.
Mit dem Ende überrascht uns Simmons, die Gedankengänge des Marines der nach 20 Jahren Bangkok wieder aufsucht sind scharf und klar, wie mit einem Skalpell wird die Rache ausgeführt.
Ein dunkles Finale – im buchstäblichen Sinne – die Geschichte wurde zu Recht mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet.

Und wieder denken wir, ganz ein anderer schreibt hier Sex mit Zahnfrauen, als Parodie auf den Ethno-Quark „Der mit dem Wolf tanzt“ und mit einem lächelnden Auge geschrieben, alleine die Indianernamen sind Grund den Übersetzer in sein Herz zu schließen, auch wenn er beim Titel („Sleeping with Teeth Women“) etwas geschlampt hat.
Simmons beweist seine Vielseitigkeit und wir erleben einen farbenprächtigen Streifzug durch die Prärie, der stimmig die Naturverbundenheit der Indianer demonstriert.

In Flashback geht es weniger um die geschlechtliche Liebe, wie in den vorangegangenen Geschichten, sondern um die Liebe zur Nation, die durch die Flashbacks, eine Droge die einen gewissen Zeitraum seines Lebens wiederholen lässt, subtil zerstört wird.
Genauer gesagt, nicht die Liebe wird zerstört, aber die Motivation sein Leben in die Hand zu nehmen und zum Miteinander beizutragen.
Alle Personen in Flashback sind abhängig und zerstören langsam sich und ihre Mitmenschen, die ultimative Droge ist ein Flashback des bis jetzt erlebten ganzen Lebens.
Doch noch schimmert ein Funken von Energie und Hoffnung, diesen verbindet Simmons mit einer amerikanischen Galionsfigur – JFK. Zum Hintergrund trägt noch die Tatsache bei, dass sich Amerika in den 90ern, als Flashback entstand, in wirtschaftlicher Konkurrenz mit Japan befand.
Ein düsterer Science Fiction, doch auch wieder im Stile etwas anders als die vorhergehenden Novellen.

Den größten Teil des Buches nimmt nun die längste und für Simmons persönlichste Erzählung Der große Liebhaber ein, die in den Schützengräben des ersten Weltkrieges spielt.
Schon im Vorwort geht er länger auf seine Gründe ein.
Wir erleben einen jungen Schriftsteller (James Edward Rooke – ein Synonym zu dem berühmten englischen Dichter Rupert Brooke) während des Somme Feldzugs 1916. Fast schon distanziert beschreibt er die Schrecken, die sich kein Schriftsteller so ausdenken kann und auch damals tatsächlich stattgefunden haben.
Immer wieder werden tatsächliche Gedichte aus dieser Zeit eingestreut, in dieser Zeit und Schlacht gelebte Personen aufgezählt.
In sein Tagebuch werden alle Ereignisse akribisch notiert, alleine die Begegnung mit einem Geist, eine Lady die ihn immer wieder vor dem Tod rettet, hält unseren jungen Soldaten aufrecht.
Ein wenig fragt man sich aber, was uns Simmons mit dieser Geschichte um einen entfernten Krieg sagen will.
Ist es eine private Aufarbeitung (wie das Vorwort uns nahelegt) oder versteckt sich noch ein tieferer Sinn hinter all dem Gräuel?
So langsam eskaliert die Geschichte, das beschriebene Gemetzel erreicht einen unerträglichen, rauschhaften Höhepunkt, ja wir erleben hier die Distanz die nach einer Flut von Schrecken, von Überreizung stattfindet, gleichzeitig erreicht auch die Begegnung mit der Geisterlady ihren Gipfel der Gefühle und Lüste – bis…..
Ja plötzlich…
Es gibt so Momente in einem Buch, wo sich eine Tür auftut, wo man denkt man hat verstanden was der Autor uns sagen will.
Kaskadenartig brechen Situationen, Momente der anderen 4 Novellen über mir herein, fügen sich zu einem Ganzen; Liebe, Tod sind eins. Aber die Liebe zu dem Leben erstrahlt in dem abschließenden Gedicht von Rupert Brooke am hellsten.
Für solche Momente lesen wir Bücher.
Ich kann mich nur verneigen vor solch einem Schriftsteller der mir schon viele Lesehighlights geschenkt hat.
Danke!
Mehr gibt es nicht zu sagen.

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Responses

  1. Interessante Rezension. Sie weckt in mir Erinnerungen an „gewaltige Hölle“ von Guillermo Martinez http://wp.me/pYhl5-lj
    Elfengruss


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