Verfasst von: Bri | 8. Mai 2012

Der zweite Atem

… „Ich vermisse die Empfindungen, die mir meine Grenzen spürbar machten. Dieser Körper mit seinen ungewissen Konturen gehört mir nicht mehr. Heute berührt mich die Hand nicht mehr, die mich liebkost. Doch in dem allgegenwärtigen Brennen bewegen mich diese Bilder immer noch.“ …

Philippe Pozzo di Borgo entstammt einer alten, angesehenen französischen Famiilie, ist erfolgreicher Geschäftsführer der Firma Champagnes Pommery, liebt seine Frau und seine adoptierten Kinder, ist viel unterwegs, sportlich aktiv und leidenschaftlicher Gleitschirmflieger. Immer wieder geht er Risiken ein, wenn er sich von Thermiken, die er intuitiv erfühlt, in schwindelnde Höhen kreiseln lässt. 1993 stürzt er ab. Im wahrsten Sinn des Wortes. Die Landung nach einem seiner geliebten Gleitschirmflüge geht katastrophal schief. Er ist querschnittgelähmt, ab dem Hals.

Da seine Frau selbst seit Jahren schwer krank ist und immer häufiger und immer längere Krankenhausaufenthalte für sie notwendig werden, benötigt er fremde Hilfe. Hier tritt Abdel – sein „Schutzteufel“, wie er ihn nennt – auf den Plan. Der Film Ziemlich beste Freunde, der ein absoluter Kassenschlager wurde, erzählt von der entstehenden Freundschaft zwischen dem adligen Tetraplegiker und dem vorbestraften Kriminellen, von ihren gemeinsamen Eskapaden und dem neuen Lebensmut, den Abdel seinem Freund Philippe mit der ihm ganz eigenen Art einhaucht. Das Buch, dessen Titel im französischen Original Le second souffle  (der zweite Atem) heißt und das nach einer Dokumentation über die beiden Freunde von Philippe Pozzo di Borgo noch erweitert wurde um den Teil, der im französichen Le diable guardien  (der Schutzteufel) betitelt ist, zeigt nichts von dem, was der Film zeigt. Tatsächlich kommt die Freundschaft zwischen Philippe und Abdel relativ kurz, dennoch wird klar, dass es eine tiefe ist. Abdel kümmert sich um Philippe. Zuverlässig und loyal. Er mag manchmal unverantwortliche Dinge tun, doch immer dann, wenn es notwendig ist, ist er zur Stelle. Harter Stoff ist es, den Pozzo di Borgo den Lesern zumutet. Direkt, ungeschönt, authentisch, ohne einen Schleier erzählt er von dem, was in ihm vorgeht nach dem Unfall, nach dem Tod seiner geliebten Béatrice und davon, dass es hinterm Horziont doch weitergeht.

Trotz aller körperlicher und seelischer Qualen erreicht er etwas, was viele Menschen in ihrem Leben nicht im Ansatz kennen: Demut, Frieden mit der persönlichen Situation und meiner Meinung nach sogar Zufriedenheit. Es gibt keinen Tetraplegiker in Frankreich, der so lange mit diesem Handicap überlebt hat, wie Pozzo di Borgo. Das mag zum Teil an seiner privilegierten finanziellen Situation liegen, sicherlich ist aber seine positive Grundeinstellung maßgebend dafür.

Wer sich auf den anfangs etwas verwirrenden Stil des Buches einlassen kann – Pozzo di Borgo lässt die Erinnerungen zwar in einer chronologischen Struktur aber dennoch ungehemmt fließen – der kann teilhaben an einer ungewöhnlichen Weltsicht, an einer wahrhaft starken Haltung und einem unerschütterlichen Glauben. Nach der Lektüre des Buches wird es nötig sein, die einzelnen aufgenommen Fäden miteinander zu verknüpfen, die Schilderungen sacken und einiges einfach stehen zu lassen. Unberührt kommt man allerdings nicht davon.

Doch Achtung: wer erwartet, den Film im Buch wiederzufinden, wird enttäuscht werden. Deshalb ein Tipp: erst das Buch lesen, dann den Film sehen.

„…Wijdane sitzt im Gurtzeug meines Gleitschirms. Das Segel das himmerblau-sonnengelbe, das ich schon vor zwanzig Jahren hatte – liegt hinter mir auf dem Vorplatz des Château de la Punta ausgebreitet. Aus der Buch von Ajaccio steigt eine warme Brise auf.

„Sollen wir Tochter?“

Khadija steht neben uns:

„Passt gut auf euch auf!“

„Kein Problem“ antworte ich, ganz im Stil von Abdel.

Ich hebe ab, das Segel bläht sich über unseren Köpfen, ein leichter Zug an der Bremsleine und wir sind in der Luft. „Wijdane! Schau mal nach links, wie schnell der Bussard aufsteigt! Sollen wir mit ihm um die Wette fliegen?“

Ich fliege eine Kurve. Unter mir steht Béatrice in ihrem durchsichtigen weißen Kleid auf der Freitreppe, auf dem Kopf einen Strohhut mit fuchsiarotem Band. So hat sie mich all die Jahre ihrer Abwesenheit hindurch begleitet. An ihrem Arm hängt ein Korb mit Rosen aus dem Garten. Laetitia schiebt den Kinderwagen, in dem ihr Jüngster liegt, ein Sonnenschrim verdeckt sein Gesicht. Sabah ist in ihr Buch vertieft. Robert-Jean beugt sich im Schutz der blühenden Kastanien zu seiner Verlobten. Noch weiter unten der Turm und die Friedhofskapelle.

Wir kreiseln im Aufwind.Wijdane lacht aus vollem Hals.

„Tochter, das Leben ist verrückt!

Und so schön!“

 

Dank an Monsieur Pozzo di Borgo für die tiefen und ehrlichen Einblicke!

Informationen zum Buch gibt es beim Verlag

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