Verfasst von: Bri | 23. April 2012

Ein verschollenes Juwel ist wieder aufgetaucht

„… Sie ging mit ihnen nach unten auf die Straße und versank bis zur Taille in Wolken. Über ihnen glitzerte die Nacht. Der Mond war voll und der Himmel klar wie Eis. Doch auf dem Boden dampfte ein dichter weißer Nebel, Ströme und Wolken aus Nebel, die aus der regengetränkten Erde aufstiegen. Sie wateten durch sie hindurch, sahen zu, wie der Nebel um die Herrenhäuser kroch, die Türmchen und Schieferschindeln verhüllte. So einen Nebel hatte es noch nie gegeben, nicht zu ihren Lebzeiten. Sie nannten ihn Schaum und Suppe des Abends; die Hölle hatte einen Sprung bekommen, Rauch quoll daraus hervor, sie nannten ihn Rasierschaum und Baiser. Sie tasteten sich durch den Nebel, stolperten über die Bordsteinkante und gingen die Treppe zur presbyterianischen Kirche hoch, wo die Luft klar war und sie sich setzten, um zuzuschauen, wie der Nebel an den unteren Stufen leckte. Der Kirchturm leuchtete in den Himmel wie ein märchenhafter goldseidener Arm.

„Wir versinken im Meer!“, sagte Allen. „Wir sind in Germelshausen. Das ist die Gischt des Himmels!“

„Das ist kalte Luft, die auf eine wärmere Oberfläche trifft“, sagte Toby.

„Spielverderber.“ …“

In Frühlingsnächten passiert so manches, zumal wenn sie mystisch sind. Die Natur bricht auf in einen neuen Zyklus, der sich zwar jährlich wiederholt,aber doch jedes Mal anders ist. Junge Menschen brechen auf, um sich ihren zukünftigen Lebensweg zu suchen.

So auch die 24 jährige Allen. Eigentlich ist ihr größter Wunsch, aus der tiefsten amerikanischen Provinz nach New York zu gehen und Schriftstellerin zu werden. Mangels finanzieller Absicherung und mit Hilfe von Beziehungen mütterlicherseits, erhält sie trotz noch nicht abgeschlossenem Studium eine Stelle als Lehrerin an einem College. Sie ist dort der jüngste Prof und gerade deshalb sehr beliebt bei ihren Schülern. Selbst steht sie noch nicht so recht im Leben, weiß nicht, was sie erwarten soll und lässt zunächst einmal die Vernunft ihren Lebensweg bestimmen. Gefühlsmäßig jedoch zieht es sie in die Nähe zweier Studenten, Toby und George, mit denen sie bald ihre Abende diskutierend und lachend verbringt. Eigentlich ein Studentenleben, dem sie noch nicht so recht entwachsen ist.

Die amerikanische Gesellschaft des Jahres 1941 allerdings ist streng konservativ: Frauen, die heiraten, haben ihren Beruf aufzugeben, der meist der einer Lehrerin ist. Und wenn ruchbar wird, dass es Verbindungen zwischen Studenten und Lehrern gibt, so unschuldig sie (zunächst) sein mögen, dann beginnt so etwas wie eine Hexenjagd. Allein das Gerücht bedeutet Ausschluss aus der Gemeinschaft und Missachtung aus Angst vor Sippenhaft. All das erlebt Allen in der kurzen Zeit des Frühlings – dessen Tage gemächlich und unspektakulär, die Nächte jedoch voller Freude und Leben sind …

Jetta Carletons zweiter, lange verschollen geglaubter Roman ist ein Kleinod, obwohl nicht ganz klar ist, inwieweit der Text nach dessen Auffindung von anderer Hand vervollständigt wurde. Der einfache, flüssige, immer treffende Sprachstil des Romans trägt neben den bezaubernden Schilderungen der Frühlingsnächte sehr stimmig zu einer unglaublich leichten Atmosphäre bei. Aber Vorsicht: dies ist kein Liebesroman, obwohl eine gewisse Romantik häufig zu verspüren ist und eine kurze Romanze der Höhepunkt von Allens Zeit als Prof darstellt, der zum Scheideweg für ihr weiteres Leben wird.

Das korrekte Verhalten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft wird genauso authentisch geschildert, wie die Lebenssituation der Frauen in dieser Zeit. Allens Verhalten wird von mancher heutigen Leserin als naiv betrachtet werden – ist aber in Wirklichkeit nur eine tatsächliche Unschuld oder vielleicht auch das Unvermögen selbst schlecht von anderen zu denken. Die vermeintliche Oberflächlichkeit der Geschichte, das Fehlen außergewöhnlicher Ereignisse, einer außergewöhnlichen Geschichte, was von einigen LeserInnen moniert wird, empfand ich gänzlich anders. Denn hier geht es nicht darum, sich abzusetzen von dem 1941 üblichen Durchschnittsleben einer Mittzwanzigern, sondern vielmehr um die Schilderung ihrer Entwicklung mit allen Zweifeln und Nebenwegen hin zu ihrem tatsächlichen Lebensweg.

Entgegen aller Vernunft.

Zur persönlichen Freiheit.

Fazit: wer ruhig und doch wunderbar erzählte Geschichten amerikanischer Autoren mag, kommt an dieser Entdeckung nicht vorbei. Allerdings sollte man etwas Empathie besitzen, um sich in die Gefühlswelt junger Menschen in den 1940er Jahren versetzen zu können; dann wird man das Buch als Bereicherung und keineswegs als langweilig empfinden.

Mehr zum Buch beim Verlag oder bei LovelyBooks

 

 

 

 

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Responses

  1. […] Jetta Carlton – In Frühlingsnächten […]


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