Verfasst von: Bri | 20. November 2011

Ketzer und Büchergeheimnisse

Nach Wochen – eher gefühlten Monaten – sitze ich nun also auch hier in der Taverne und versuche meine Gedanken zu sortieren.

Mr. Rail ist bereits über den Marktplatz gewandert und hat sich in den Lesezelten verschiedener Erzähler umgesehen Sophia Underhill ist selbst zu Wort gekommen, verschiedenste Aspekte der Geschichte um Giordano Bruno wurden unterschiedlichst beleuchtet und zu guter Letzt wurde Bruno und seine Zeit uns ebenfalls näher vorgestellt. Nur leider nicht von der Erzählerin im Lesezelt, aber gut, manchem wäre das vielleicht zu langatmig geworden. Ich allerdings hätte gerne erfahren, wie man es schafft, der Inquisition zu entkommen und nach nur sieben Jahren Königsberater zu sein. Eine steile Karriere würde ich meinen, die einiges voraussetzt. Nun ja, vielleicht empfand Bruno das als zu indiskret und hat deshalb lieber die Geschichte der Suche nach einem für ihn extrem wichtigen und angeblich nicht existenten Buch erzählen lassen. Allerdings kamen ihm während der Suche in Oxford noch ein paar sehr mysteriöse Morde in die Quere und das Buch … wer weiß schon, was damit wirklich passiert ist und ob er es je finden wird. Ich werde es wohl nie erfahren, obwohl ich mich schon lange und ausgiebig mit Büchern und ihrem Schicksal beschäftigt habe.

Versteckt und gehütet, verbrannt und verleugnet wurden Bücher, deren Inhalt als gefährlich erklärt wurde, sehr häufig. Als gefährlich erklärt von etablierten Machthabern, der Kirche oder wem auch immer es nicht passte, dass das Individuum unabhängiger werden könnte von den vorhandenen Strukturen. Ausgenommen ist davon – wie auch in Brunos Geschichte – weder die sich als wahre bezeichnende römisch-katholische Kirche, noch die anglikanische, die ja bekanntermaßen von Heinrich VIII gegründet und zur Staatskirche ernannt wurde, da ihm der Papst die Scheidung von seiner ersten katholischen Frau Katharina von Aragón verweigert hatte. Beide Kirchen bezeichneten als Ketzerei, was ihren Vorstellungen zuwider und ihrem Einfluss gefährlich war. Gehemmt wurde dadurch vor allem die Wissenschaft, die sich aufmachte zu neuen Ufern.

Was mir trotz der manchmal recht  ausschweifenden Erzählweise nicht klar ist: weshalb wird das Buch, nach dem Bruno sucht auch von den Engländern als nicht existent und gefährlich gehandelt? Walsingham – der Berater Elisabeth I – ist vor allem an Informationen über sogenannte Papisten interessiert – Menschen, die dem alten katholischen Glauben im Geheimen noch anhängen und ihn praktizieren. Seine Angst: eine Invasion aus dem katholischen Frankreich, um Elisabeth zu ermorden und an ihrer Stelle die katholische Hoffnung Maria Stuart als Königin von England einzusetzen. Er schafft sich an Netzwerk an Informanten – man könnte sagen, er schuf den Geheimdienst in England – die er zum größten Teil aus eigener Tasche zahlte und ließ Menschen jeder Schicht, die die katholischen Riten im geheimen praktizierten unbarmherzig verfolgen und hinrichten. Der Grund dafür mag sein, dass er genaueste Schilderungen über die brutale Verfolgung der Hugenotten in Frankreich und die Geschehnisse in der Bartholomäusnacht durch seinen Schwiegersohn Philip Sidney erhalten hatte. Sidney hatte sich tatsächlich lange auf dem Kontinent aufgehalten und in der Bartholomäusnacht mit anderen englischen Protestanten in der englischen Botschaft Zuflucht gefunden. Hätte mir die Erzählerin auch von diesen Hintergründen etwas mitgegeben, hätte ich so einiges mehr verstanden.

Aber die Frage nach dem Buch bleibt mir doch. Denn eigentlich ist Elisabeth I bekannt als Förderin von Kunst, Literatur und Wissenschaft. Interessiert an neuen Entdeckungen. Warum muss Bruno im Geheimen nach diesem Buch suchen? Weil ihn die Inquisition immer noch sucht? Das tut sie bereits aus anderen Gründen. Weil das Buch auch von anderen gesucht wird und er deshalb lieber nicht offenbart, dass er auch danach sucht?

Meine Vermutung, dass diese Frage erst im Folgeband von Ketzer ansatzweise gelöst werden könnte, werde ich wohl nicht im Lesezelt von Stephanie Parris überprüfen, dafür war mir dieser erste Teil der Suche zu abwegig mörderisch. Aber in die Taverne komme ich gerne wieder und nicht nur wegen des schon von Sophia gerühmten Bieres.

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Responses

  1. WIrklich ein toller Beitrag zur Blogtour, vielen Dank dafür! 😉

    • Gerne – immer wieder gerne – nur nicht bei der Fortsetzung *gg*

  2. […] Taverne vorbei. Worum es geht, kann ich euch leider nicht verraten…nur soviel: Es besteht aus Seiten. Share this:TwitterFacebookGefällt mir:LikeSei der Erste, dem dieser post gefällt. Dieser […]

  3. Ich warte schon länger in der Taverne – und nun scheint sie sich zu füllen… unterschreibe jedes Wort dieses Artikels… sehr gelungen….wirklich!

    • Herzlichen Dank für das Unterschreiben und die damit verbundene Bestätigung! Wir sehen uns in der Taverne.

  4. Tapfer durchgehalten bis zum bitteren Ende. Das ist die Bri … 🙂 Applaus vom Elfchen zu dieser kritischen Rezension. Wir sehen uns in Baltimore bei den Detectives zur nächsten Gemeinschaftsrezension von Homicide…..

    • Ja, so bin ich wohl – was ich mal angefangen habe, mache ich fertig – zumindest meistens 😉 Ich freue mich auf das gemeinsame Homicide-Projekt … dauert nur noch ein bißchen. Schnell lesen ist im Moment nicht.


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