Verfasst von: Bri | 2. August 2011

Der Sohn des Sohnes

Drei Männer, eine Reise zum selben Ort und doch jeweils an einen anderen. Ans Meer fahren sie, nicht um Urlaub zu machen, sondern um ein letztes Mal in die Heimat zurückzukommen, die dortige Wohnung zu verkaufen, den Ort der unbeschwerten Ferien wiederzusehen.

Drei Männer – drei Gründe

Großvater Leonardo, in Apulien geboren, will noch einmal in die Heimat, seine alten Freunde sehen – die die noch übrig sind – und Abschied nehmen. Sein Sohn Ricardo begleitet ihn, um den letzten Anker in der gemeinsamen Heimat zu lichten. Der Enkel Nicola fährt mit, um vielleicht noch zu verhindern, dass dies geschieht und um sich wieder in die Tage der Ferien am Meer, die Tage der Freiheit zu träumen.

Nicolas Familie stammt aus Barletta und ist als sein Vater  noch sehr jung war in den Norden gezogen. Nach Mailand. Weg vom Meer – in die Großstadt. Zumindest für Großmutter Anna war die Wohnung am Meer immer die Hoffnung einst zurückzukehren. Doch die Jahre vergehen, die Wohnung wird dem Verfall preisgegeben und keines der vier Kinder Leonardos und Annas kümmert sich darum. Die Wurzeln, die einst so stark waren, sind gekappt und die Erlebnisse und  Erinnerungen nicht stark genug, um die zweite Generation wieder in ihre Heimat zu bringen. Mailand wird die neue Heimat. Für die Enkelgeneration kein größeres Problem, verstehen sie den barlettischen Dialekt – die Muttersprache Leonardos – zwar noch, sprechen diesen aber selbst nicht mehr  und sind schon aufgrund dessen für die in Barletta Gebliebenen sofort als Fremde erkennbar. Barletta ist nicht länger Heimat, sondern Urlaubsort.

Für Nicola ändert sich auf dieser gemeinsamen Reise mit Großvater und Vater genau das – Barletta erschließt sich für ihn endlich durch deren Sprache und Erinnerungen.

Marco Balzano spannt in seinem 222 Seiten kurzen Erstling einen Bogen über drei Generationen und erzählt die Geschichte vieler Familien Italiens überraschend schlicht. Nichtsdestotrotz tut er es eindringlich und nimmt den Leser mit auf die Reise nach Barletta „en la casa al mare“,  die mit dem gesamten Ort so deutlich vor dem inneren Auge erscheint, dass man glauben könnte tatsächlich dabei zu sein. Einzig an ein paar Stellen erscheint die Übersetzung ein wenig hölzern. Auch der Originaltitel Il figlio del figlio trifft den Kern der Geschichte besser und zeigt deren poetische Kraft genauer – doch das tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch.

Damals am Meer ist weder spektakulär, noch laut, noch schrill aber absolut mystisch und genau deshalb doch wieder spektakulär. Mystisch deshalb, weil die Mechanismen, die den Leser so tief in die Geschichte ziehen, nicht erkennbar sind. Jedenfalls nicht für mich. Vielleicht ist es die Tatsache, dass sich kaum mehr jemand Zeit nimmt, solch vermeintlich „einfache“ Geschichten mehr zu erzählen, vielleicht ist es etwas völlig anderes. Mir ist nicht klar, zu welchem Zeitpunkt das tiefe Eintauchen begann, noch wodurch es tatsächlich ausgelöst wurde und das finde ich großartig. Großartig auch deshalb, weil ich als Vielleserin nicht mehr ganz so leicht zu überraschen bin. Marco Balzano hat es geschafft und ich bin mal wieder um ein Regaljuwel reicher, dessen Aufmachung sich mit dem ausdrucksstarken Cover dem Inhalt in seiner schlichten Schönheit perfekt anpasst.

Damals am Meer ist ein Buch, dessen Zauber unberührbar bleibt, auch nach dem Zuklappen der in ein wunderschönes Meergrün geschlagenen Buchdeckel.

Details zu Buch und Autor sind hier zu finden:

http://www.kunstmann.de/titel-16-16/damals_am_meer-734/

 

 

 

 

 

 

 

©BvF

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Responses

  1. Verlockend, sehr verlockend 🙂

    • Ein absolutes Muss für den Elfenhaushalt … tut mir Leid, aber so ist es. Wäre auch gute Reiselektüre für irgendwann …;)

      • das glaub ich dir unbesehen. Bri’s wissen, was Elfen brauchen 🙂
        Das kann einen leid tun, wie es will……

  2. […] Der Sohn des Sohnes « brisliteratouren Marco Balzano spannt in seinem 222 Seiten kurzen Erstling einen Bogen über drei Generationen und erzählt die Geschichte vieler Familien Italiens überraschend schlicht. Nichtsdestotrotz tut er es eindringlich und nimmt … Source: brisliteratouren.wordpress.com […]

  3. Elfchen, das hast Du wieder mal sehr schön gesagt.

  4. […] Buch wurde ebenfalls schön zusammengefasst, kommentiert und diskutiert bei Bücherwurmloch, brisliteratouren und Ada Mitsou […]


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