Verfasst von: Bri | 1. August 2011

Freiheit

FreiheitFreiheit von Jonathan Franzen – eine beinahe Nicht-Rezension von Bri und Bücherelfe

Es gibt Bücher, die so gut sind, dass man Angst davor hat, sie zu rezensieren, weil man befürchtet, dass man dem Buch nicht gerecht werden kann.  Und weil geteiltes Leid, halbes Leid ist, haben wir nach einer Weile des gemeinsamen Jammerns beschlossen, diese Rezension zusammen zu schreiben.

Beim Brainstorming ging es ganz schön zur Sache. Hier ein paar Beispiele aus einer ellenlangen Liste:  Was soll nach Freiheit kommen? Erstmal leseunfähig. Auf dieses Buch gehört ein Warnhinweis. Praller Familienroman.  Mann, die fehlen mir echt. Ganz grosses Kino. Desperate housewife…

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Neun Jahre ist es her, seit Jonathan Franzen mit seinem Familienroman „Die Korrekturen“ für Furore sorgte und den Pulitzer Preis gewann. Jetzt ist dieser Grossmeister der Sprachmagie wieder da. Mit einem prallen Familienroman, in dem er die Protagonisten sich erst verstricken und sie dann in ihrem eigenen Netz zappeln lässt.  Nach wenigen Seiten sehen wir sie vor uns; wir freuen uns und leiden noch viel mehr mit ihnen. Und manchmal kriechen wir beinahe in die Seiten rein und versuchen sie in eine Richtung zu schubsen.. Nichts  wirkt gestellt oder an den Haaren herbeigezogen. Es ist alles glaubwürdig, nachvollziehbar, nicht schwarz oder weiß, sondern bunt. Die Personen sind vielschichtig, wie wir es eben sind  Und ehe wir uns versehen, sind wir auf der letzten Seite angekommen und müssen uns von ihnen verabschieden.

Patty, Tochter einer linksliberalen Familie wählt halbherzig. Da ist Walter, der sich hartnäckig nach und nach in ihr Leben schleicht. Er ist schon fast zu gut für die Welt und gerade deswegen ein furchtbarer Langweiler.  Und da ist Richard, Walters Freund. Der ist so aufregend, dass es Patty fast den Atem nimmt. Er ist unzuverlässig, chaotisch und so unkonventionell wie es eben geht. Patty’s Versuche, für sich zu klären, für welchen dieser so unterschiedlichen Männer sie sich entscheiden soll, scheitern alleine daran, dass sie es nicht übers Herz bringt, Walter zu verletzen. Und Richard selber kann Patty noch so anziehend finden; er schätzt Walter zu sehr, um ihm dazwischen zu funken. Und so stricken alle gemeinsam am Netz. Auch die Nebenfiguren, die – und das finden wir ganz besonders beeindruckend – genauso plastisch dargestellt sind.

Es kommt wie es kommen muss. Aus Patty wird eine Ehefrau, eine Übermutter zweier Kinder, eine „desperate housewive“.  Vorerst; denn Richard, der inzwischen den Durchbruch zum Rockstar geschafft hat, taucht sporadisch immer wieder im Leben der scheinbar stabilen Familie auf und erinnert Patty daran, dass sie vielleicht falsch gewählt hat. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Beleuchtet wird das Drama von den verschiedensten Seiten und genau das ist es, was einen so vielschichtigen, kompletten und authentischen Eindruck von den Protagonisten hinterlässt. Dermaßen eindringlich, dass sie uns in unserem Leben fehlen wie Freunde, die plötzlich nicht mehr da sind. Freunde, die ihren Weg gehen, der sie in dem von ihnen selbst gestrickten Netz zu- und voneinander weg führt, sie reifen und schlussendlich zu sich selbst finden lässt. Bereit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und zu verzeihen.

Jonathan Franzen schafft es, in diese 700 Seiten alles reinzupacken, was uns im Leben beschäftigt. Es geht darum, genau die Fehler, die unsere Eltern vielleicht gemacht haben, nicht zu zu wiederholen.  Wir wollen unseren Kindern nah sein  und hoffen,  ihnen auch die Freiheit zu geben, ihren eigenen Weg zu finden. „Was wenn wir falsch wählen“, ist genau die Frage, die sich die Protagonisten immer stellen. Aber Franzen zeigt uns, dass alles irgendwie einen Sinn verfolgt; jede Wahl ist einfach ein Weg, den wir einschlagen, der uns eben in eine Richtung weiterbringt, was nicht bedeuten muss, dass die Wahl eine falsche war.

Fazit: Ganz grosses Kopfkino und höchst preisverdächtig!

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Responses

  1. Ich liebe diese Besprechung. Sie trifft exakt den Kern und beim Lesen entsteht das ganz eigene Kopfkino zu „Freiheit“ neu .
    Ein wunderbares Buch, dass ich in etlichen Jahren genüsslich wieder besuchen werde ….;)

    • Vielen Dank für dieses wunderbare Lob! Das geht runter wie Öl … und mir geht es ebenso – aber ein paar Jahre werde ich nicht benötigen – ich denke, Anfang 2012 werde ich es mir wieder vornehmen ;))


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