Verfasst von: Bri | 15. Juni 2011

Skippy stirbt!

„… Vielleicht bestehen die Dinge ja nicht aus Strings, sondern aus Geschichten, einer Unzahl winziger, vibrierender Geschichten, einst waren sie alle Teil einer großen, gigantischen Supergeschichte, bloß dass die in eine Zillion verschiedener Teile zerbrochen ist, deswegen ergibt keine Geschichte für sich einen Sinn, und deswegen musst du in deinem Leben versuchen, sie wieder zusammenzuweben, meine Geschichte in deine Geschichte, unsere Geschichten in die all der anderen Menschen, die wir kennen, bis du was hast, was für Gott oder sonst wen wie ein Buchstabe aussieht, oder sogar wie ein ganzes Wort …“

Genau das ist es, was Paul Murray in Skippy stirbt! macht: er webt Geschichten zu einer einzigen Supergeschichte. Ob diese für irgendwen einen Buchstaben oder Wort ergibt, das kommt darauf an, wie weit man sich als Leser darauf einlässt. Ich habe mich darauf eingelassen – zugegeben nach anfänglichen Zweifeln – und für mich ergab das Ganze mehr als nur einen Buchstaben.

Bevölkert werden die drei Bände – Hopeland, Heartland, Ghostland – von den unterschiedlichsten Personen. Hier findet sich alles. Vom ehemaligen Seabrook Rugbychampion, der durch einen Unfall seiner Karriere beraubt, jetzt in seiner alten Schule Lehrer und Schwimmtrainer ist, bis zu Ruprecht van Doren, Skippys  Zimmergenossen und übergewichtigen Freund, Mathematikass, genial, nach fremdem Leben im All suchend. Eins haben alle gemeinsam: Sprachlosigkeit und die damit einhergehende Unfähigkeit zur tiefer gehenden Kommunikation. Von pubertierenden Jungs kann man eine solche Fähigkeit nicht verlangen, sie sind zu sehr mit sich selbst und den Veränderungen in ihrem Umfeld beschäftigt. Noch dazu, wenn sie damit durch die offensichtlich komplett überforderten, nur vermeintlich erwachsenen Menschen um sie herum alleine gelassen werden. Ohne Ausnahme hat hier jeder sein Päckchen zu tragen.

So bunt das Personal, so vielfältig die Themen, die in diese Supergeschichte eingewoben werden. Die Komplexität wächst mit den Geschichten, wie es eben so ist. Nichts ist linear, alles ist miteinander verbunden.

Aber hoppla, kommt mir das alles nicht bekannt vor? Was macht dieser Murray da eigentlich? Manche Dialoge sind so locker und leicht und dabei genau ausformuliert, dass sie als Schablone für viele alltägliche Gespräche herhalten könnten und manchmal bleibt mir dabei das Lachen im Halse stecken, weil ich mal wieder erkenne, wie trostlos das alles eigentlich ist. Trostlos aber nur dann, wenn man nicht die Hoffnung hat, dass hinter all den Äußerlichkeiten und Fassaden mehr stecken kann, dass wir einfach genauer hinsehen und dichter dran bleiben müssen, dass wir alle eins sind, dass unsere Geschichten miteinander verwoben sind, ob wir wollen oder nicht. Und diese Hoffnung gibt uns Murray, nicht wie erwartet in Hopeland, sondern erst in Ghostland, als Skippy längst gestorben und trotzdem noch präsent ist.

Was die Aufmachung angeht: die drei wunderschön im Retrolook gestalteten Bände im stabilen Schuber machen sich gut in jedem Regal. Dafür ein dickes Lob an den Kunstmann Verlag, der einmal mehr andere Wege beschritten hat und mit dem beigelegten Lesezeichen, das ein Who is Who der wichtigsten Personen der Supergeschichte ist, das Tüpfelchen mal wieder auf das I gesetzt hat.

Unbedingte Leseempfehlung, an alle, die gut erzählte Geschichten mögen und die genügend Empathie besitzen, das anstrengende Leben Pubertierender ertragen zu können.

Informationen zum Buch:


ISBN 9783888977008, Flexibler Einband, 782 Seiten, erschienen am 10.01.2011 bei Kunstmann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©BvF

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Responses

  1. Beeindruckende Rezension zu einem beeindruckenden Buch. Es freut mich, dass es dir mit „Skippy stirbt!“ ähnlich gegangen ist wie mir. Und den Verlag von Antje Kunstmann behalten wir auf jeden Fall im Auge 🙂

    • Oh wow – unglaublich so ein Lob aus berufenem Munde – danke! Ich trau mich bald keine Rezensionen mehr zu schreiben – der Druck wird so groß *gg* LG und Kunstmann ist eh super …


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