Verfasst von: Bri | 26. Mai 2011

Tiere essen? Nicht mehr nach dieser Lektüre

Eine Rezension aus der Gemeinschaftsküche von Bri und Bücherelfe

Als erstes eine Warnung. Dieses Buch hat Auswirkungen; gravierende. Zuweilen so gravierende, dass aus Menschen, die gerne Fleisch gegessen haben, Vegetarier oder sogar Veganer werden – und das regelmäßig nach der Lektüre. Ganz zarte Gemüter werden sogar versucht sein, das Buch einfach zuzuklappen, weil die Schilderungen zu grausig sind. Und auch wer die glorreiche Idee hat, mit einem Umstieg auf Bio-Fleisch guten Gewissens Fleisch essen zu können, wird von Jonathan Safran Foer’s Bericht eines besseren belehrt. Denn auch wenn Biohühner, ~schweine und ~rinder ein angenehmeres Leben hatten, als ihre Artgenossen in der Massentierzucht: so etwas wie einen sanften Tod gibt es nicht. 
Und Schlachthäuser tun aus ihrer Sicht gut daran, den Vorgang Tiere zu Schnitzeln zu verarbeiten, hinter verschlossenen Türen zu vollziehen….

Mal ganz direkt gesagt: Unser Fleischgenuss führt dazu, dass Tiere nur dazu gezüchtet werden, nach kurzer Zeit wieder getötet zu werden. Früher wurden Legehühner – heute kaum vorstellbar – zwanzig Jahre alt; natürlich haben sie im Lauf der Zeit weniger Eier gelegt, aber das war nicht so maßgebend wie heute. Heute wird ein Legehuhn nach eineinhalb Jahren wegen Unrentabilität getötet. Und was wird mit all dem Geflügel, das Kraft seines Geschlechts keine Eier zu legen vermag noch dessen Fleisch gegessen wird (wir wollen jetzt mal nicht auf das Fleisch kastrierter Hähne eingehen…) ? Hat sich schon einmal jemand überlegt, wohin all die männlichen Küken, auf den Fliessbändern der Fabriken fahren? Wer schon mal gehört hat, dass diese jeweils mit Gas ins Jenseits befördert werden, irrt. In den meisten Fällen ist die Wahrheit wesentlich grausiger.
Es wird nicht nur aussortiert, es wird regelrecht auf Fleischproduktion gezüchtet – das geht soweit, dass die Tiere nicht mehr in ihren gewohnten sozialen Strukturen leben dürfen, sich nicht mehr auf natürliche Weise vermehren KÖNNEN, mit Antibiotika vollgestopft und Hühnchen nach dem Schlachten mit Bouillon beimpft werden, damit sie überhaupt nach etwas schmecken. Truthähne konnten einmal fliegen, Masthühner heute noch nicht mal mehr laufen, weil sie in kurzer Zeit zu viel Gewicht zulegen und ihre Knochen das nicht tragen können. Der Westen schaut ungläubig nach Asien, wo Hunde als Delikatesse gelten – Chow Chows wurden extra dafür gezüchtet, gegessen zu werden – aber warum? Es sind doch auch „nur“ Tiere und: sie haben meist ein sehr viel längeres und entspannteres Leben, als die Tiere, die für unseren Fleischkonsum herhalten müssen.
Jonathan Safran Foer ist nicht der Typ, der nachts heimlich in Hühnerfarmen einsteigt, um sich das Grauen dort anzusehen, das sagt er selbst von sich, aber er tut es doch. Angefangen, sich über die Ernährung seiner Famile Gedanken zu machen hat er, als sein Sohn zur Welt kam. Ein absolut nachvollziehbarer Grund – denn unsere Kinder sollten ja nicht die Versuchskaninchen für unsere unausgegorenen Lebensmittelexperimente sein.

Safran Foer hat Antworten für sich und seine Kleinfamilie gefunden. Und wie schon Eingangs unserer Rezension erwähnt, hat er damit ganz viele Menschen angesteckt. Seine Recherchen beziehen sich auf die Vereinigten Staaten. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat der deutschen Übersetzung Fakten aus Deutschland hinzugefügt. Und diese zeigen auf, dass es eine Illusion ist zu meinen, dort gehe es anders zu. Die deutsche Landwirtschaft ist diejenige, die der amerikanischen am ähnlichsten ist – weltweit.

In dem Zusammenhang verweisen wir auf das von der deutschen Journalistin Karin Duve geschriebene Buch mit dem Titel „Anständig Essen“. Die Bücherelfe hat es sich als Hörbuch (leider von der Autorin selber grottenschlecht gelesen) bereits zu Gemüte geführt. Bei Bri steht es schon in gedruckter Form im Regal. Die grünen Selbstversuchsprojekte gehen also in die nächste Runde.

Die Schweiz hat strengere Tierschutzgesetze als die EU; dort müssten viele Vorgänge auf andere Art und Weise laufen. Betonung auf müssten. Aber diese kann man natürlich auch umgehen, indem man Tiere z. B. aus Deutschland importiert. Sollte es ein fundiert recherchiertes auf die Schweiz bezogenes Buch dazu geben, bitten wir um Mitteilung.

Mitte März hatten wir beschlossen, „Tiere essen“ gemeinsam zu lesen und zu rezensieren. Ende Mai steht die Rezension. Dazwischen liegt eine ganze Menge Austausch aber auch viel Sprachlosigkeit. Gelesen hatten wir beide das Buch wenn auch häppchenweise ruckzuck; aber das Gelesene in Worte zu fassen, war eine echte Herausforderung.
Auch wenn wir uns teilweise dafür entschieden haben, vegetarisch bis vegan zu essen, ist das nicht immer ganz einfach durchzuhalten, aber wir haben uns vorgenommen, bei Möglichkeit immer darauf hinzuweisen, dass wir fleischlos essen möchten.
Auch oder viel mehr weil dieses Buch solche Auswirkungen hat ist die Frage, ob wir das Buch empfehlen können nur so zu beantworten: JA
Allerdings muss man sich auf wirkliche Grausamkeiten einstellen.

Fazit: Ein spannendes, flüssig geschriebenes Sachbuch, das es in sich hat. Absolut empfehlenswert.

Infos zum Buch: ISBN 9783462040449, Fester Einband, 352 Seiten, Sach- & Fachbuch, erschienen am 19.08.2010 bei Kiepenheuer & Witsch

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